Vom Blick der Ersten Person
Startseite > Texte > TextReden > Vom Blick der Ersten Person
Vom Blick der Ersten Person.
Die Sichtweise des Selbst. Vortrag gehalten bei einer Doppel-Vernissage mit Werken von Winnie Jakob (Karikatur, Grafik) und Sabine Bauer (Malerei), am 8.12.2005 im R2 und im Atelier WIN-ART. Von Michael Rosecker

Kurz vor Wittenberg von Sabine Bauer

Liebe Freundinnen und Freunde der Kunst!

Mit der Entdeckung Vermeintlich-Westindiens durch Christoph Kolumbus im ausgehenden 15. Jahrhundert, begann in Europa die schrittweise Kugelwerdung der Erde: die Globalisierung. Damit setzte sich ein Prozess des ständigen Aufbrechens, Loslösens und daher Befreiens in Gang, der schließlich dazu führte, dass Menschen in der freien Welt heute aufgefordert sind, sich „als ein Wesen an der Grenze zwischen der Erde und dem Nichts vorzustellen.“[1]  Die Erde als Kugel rollte gleichsam vom Zentrum des Universums an die Peripherie, in das Irgendwo der Befreiung von göttlicher Fürsorge, jenseitiger Erfüllung und höherem Plan. Sie wird Planet und ist nicht mehr eine geschlossene – transzendentale, religiöse – wahre Welt, die Himmel und Erde umfasst, sie ist gleichsam keine Welt mehr aus einem Guss. Immer schon daseiender Schutz und Sinn sowie klar verortetes Eingewobensein in ein All gehen verloren.

Arthur Schopenhauer fand dafür ein gegenwärtiges Bild: „Im unendlichen Raum zahllose leuchtende Kugeln, um jede von welchen etwan ein Dutzend kleinerer, beleuchteter sich wälzt, die, inwendig heiß, mit erstarrter, kalter Rinde überzogen sind, auf der ein Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen erzeugt hat – dies ist die empirische Wahrheit, das Reale, die Welt.“[3]

Neueste Erkenntnisse der Astronomie, die besagen, dass ein Riesenstern am Rande des sichtbaren Universums kollabierte und der damit verbundene – heute zu beobachtende – Gammastrahlenausbruch sei in einer Entfernung von 12,7 Milliarden Lichtjahren, bereits vor weniger als 900 Millionen Jahren nach dem Urknall, vor sich gegangen, unterstreichen diese Sichtweise eindrucksvoll.[4] Wer das liest und in den Himmel schaut, fühlt sich tatsächlich bedrohlich frei! Umgeben von unendlichen Weiten und unermesslichem Raum ragt der einzelne Mensch heute „transzendental obdachlos“[5] im Außen und in sich selbst in das Offene hinaus, und das ist ab nun real! Der Mensch ist noch immer Teil eines Größeren, aber nie mehr eines Ganzen!

Die eine immer schon währende Wahrheit wurde zu den zeitigenden vielen Wahrheiten und schließlich zur individuellen Wirklichkeit. So gleicht das Universum heute in der menschlichen Anschauung mehr dem Nichts als dem All. Der Planet Erde wird mit dem Sich-Leeren des Himmels ein zentraler Bezugspunkt des Menschen für das Neuvermessen seiner Stellung. Nicht göttlicher Wille, sondern Koordinaten weisen dem Menschen nun einen Ort im Raum zu und Chronometer einen Platz in der Zeit. Die Welt muss den Einzelnen nun erst erklärt, somit vermessen, kartographiert, analysiert, errechnet und festgehalten werden. Atlas tritt nicht mehr als Kugelträger in Erscheinung, sondern als gebundenes Kartenbuch, als Kompass, Stalelitennavigationssystem und so fort.

Was zuvor einfach gehalten wurde, wird jetzt haltlos und muss erst wieder Halt finden. Jetzt muss man sich zunächst ein Bild von der Welt machen. Nur rationale Gründe ohne Brüche und Widersprüche können, so das Credo der neuen Zeiten, neuen Halt geben. Es braucht ab nun Theorien; vortheoretische Welterschließung ist nicht mehr möglich. Vernunft, Verstand, Rationalität, Kosten-Nutzen-Rechnungen und wissenschaftliche Erkenntnis sollten der nun offenen  freien fremden  Welt Sinn entbergen, dem Menschen durch die Beherrschung der Natur Schutzhüllen wiedergeben und ihn durch Naturgesetze wieder mit etwas Größerem verweben. Wir schauen heute rational die Welt gleichsam von außen an. Dieser rationale Blick versucht stets der Blick der Dritten Person zu sein, beschreibend, unbeteiligt, unparteiisch und berechnend; sogar wenn er egoistisch ist wie der rationale Blick der Ökonomie, spricht er in der Dritten Person des Sachzwangs und der Notwendigkeit. Diese „einheitliche Methode“ der Dritten Person soll Wissen bereitstellen, welches die Machbarkeit der Welt ermöglichen soll; dies ist nun das Programm. Unser Denken und Fühlen hat also – transzendental obdachlos geworden unter leeren Himmeln und an der Schnittstelle zum Nichts – eine neue Perspektive: die der rationalen Welterfassung. Die Perspektive der Dritten Person. Die Naturwissenschaften glauben die Pflicht zu haben, in der Dritten Person die Welt anzuschauen. Auch die Politik tut dies immer mehr, trotz  Gerede vom kleinen Mann. Denn selbst der kleine Mann ist normiert, eine Durchschnittrechnung, ein Mittelwert der Statistik.  Die Naturwissenschaft kommt heute sogar soweit, dass die Dritte Person die Erste Person, also uns selbst, unsere Innerstes Lebensgefühl unserer Existenz in Frage stellt. Die Hirnforscher zum Beispiel stellen fest, dass das Ich „eine frühkindlich internalisierte ‚Illusion’, gleichsam der erste Sozialisationsirrtum in jeder Biografie sei.“[7]  Es heißt, dass das unmittelbare Wissen vom Dasein und vom Selbstgefühl in uns selbst, nur als Illusion existiere.

Was passiert denn da mit uns selbst? Wer lebt denn da jeden Tag sein Leben? Leben in der Dritten Person ist nur als Krankheit möglich! Und alleine die Hirnforschung muss sich fragen, wer denn wem ins Gehirn schaut, wenn ein Hirn ins andere Hirn hineinblickt? Wir sind nicht nur Zellhaufen oder neuronale Verschaltungen oder soziale Konstrukte, vor allem auch keine Sozialisationsirrtümer. Wir sind Erste Personen und als solche existieren wir. Jedes Dasein, jede Erste Person, bedeutet die Gegenwart einer eigenen Welt.[8] Die Erste Person ist das Vertrauteste, weil es all unser Erleben begleitet und wir gar nicht umhin können, es intim zu kennen. Sie ist das Fremdeste, weil wir sie in ihrer eigenen Wirklichkeit nicht fassen, sie nicht wie andere Dinge vor uns hinstellen können.[9] Dieses Selbst sind wir selbst. Die Erste Person ist jeder und jede von uns selbst. Durch diese Person geht alle Welterfahrung und Weltveränderung hindurch. Und diesen Blick dürfen wir nicht verlieren. Dieser Blick, ist es, der uns als Individuum die Welt, die Mitmenschen erschließt. Er sieht vielleicht nicht 12,7 Milliarden Lichtjahre weit, aber sieht auch, wenn wir nichts mehr sehen. Wie heißt es bei der deutschen Pop-Gruppe „Wir sind Helden“: „Ich weiß nicht weiter / Ich weiß nicht, wo wir sind / Ich weiß nicht weiter / Von hier an blind.“ Es gibt Situationen in einem menschlichen Leben da kann die Dritte Person nicht helfen. Von hier an blind!

Ja, liebe Freundinnen und Freunde der Kunst, der Blick der Kunst ist auch der Blick der Ersten Person. Parteiisch, unbändig, berechnend, er ist sogar egoistisch. Und: er ist vor allem lebendig, menschlich, individuell, er ist am Leben. Mit allem drum und dran. Mit all den Höhen und den Tiefen, Abgründen und Höhenflügen. Der Blick der Kunst schaut in die Welt, wohlwissend, dass die Welt schon mitschaut, wenn die Erste Person den Blick auf die Welt richtet. Von hier an Blind; entzündet uns der Blick der Kunst ein Licht, das  in jede Ecke im Innen und Außen leuchtet. Da sind wir wirklich wieder ein wenig Teil des Ganzen, aber eben trotzdem als Fremde. Das ist sinnvolle Freiheit.Wenn ihr euch die Werke von Zaba und WIN nun anschaut, schwöre ich euch, seid ihr zwar Betrachter, Dritte Personen, ihr werdet euch aber trotzdem als Erste Person fühlen. Schaut hin und ihr werdet sehen und gesehen. In diesem Sinne den Künstlerinnen viel Erfolg und euch viel Selbsterfahrung.  

[1] Peter Sloterdijk, Im Weltinnenraum des Kapitals. Für eine philosophische Theorie der Globalisierung (Frankfurt/Main 2005) S. 54 [2] Mircea Eliade, Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religiösen (Frankfurt/Main / Leipzig) S. 28-29 [3] Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. 2/1 (Köln 1997) S. 11 [4] Der Standard, Explosion am Rand des Weltalls, am 14. 9. 2005, S. 27 [5] Nach: Georg Lukács, Die Theorie des Romans. Ein geschichtsphilosophischer Versuch über die Formen der großen Epik  (München 2000) S. 32 [6] P. Sloterdijk, Weltinnenraum, S. 160-161 [7] Christian Geyer umschreibt so die „Radikalreduktion des Psychischen auf das Physische“ von Wolf Singer. Christian Geyer, Hirn als Paralleluniversum. Wolf Singer und Gerhard Roth verteidigen ihre Neuro-Thesen. In: C. Geyer, Hirnforschung. S. 88  [8] G. Franck, Mentaler Kapitalismus. Politische Ökonomie, S. 243 [9] Georg Franck, Ökonomie der Aufmerksamkeit (München 1998) S. 25

 

 

 

 

 

Impressum
Verein Alltag Verlag, Reyergasse 7, 2700 Wiener Neustadt
Internetlösung von dieSchraube --- Web Development - Internetlösungen - BeratungdieSchraube + mvm