Volksprater
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Ein Volksprater für die Sozialdemokratie
Julius Leopold Kinner, der 1. sozialdemokratische Gemeinderat in Wiener Neustadt. Von Michael Rosecker

Verschränkte Brüderhände

„O wählt ein Banner, und ich bin zufrieden, Ob’s auch ein andres denn das meine sei; Ich hab’ gewählt, ich habe mich entschieden, Und meinen Lorbeer flechte der Partei.“ [1] (Georg Herwegh)

In jener Zeit, als man Wiener Neustadt und Neunkirchen das „Manchester und Liverpool Österreichs“[2] nannte, die Industrialisierung erstmals alle Sphären der Gesellschaft erfasste und man mit Industrieller Revolution im Allgemeinen noch nicht jene Zeit meinte, in der „der damit einhergehende Klimawandel begann“[3], also auch die Atmosphäre betroffen war, wurde ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung Wiener Neustadts um seine hergebrachte Lebenswelt gebracht. Wenn der Soziologe Alfred Schütz meinte, dass „die alltägliche Lebenswelt die Wirklichkeitsregion [ist], in die der Mensch eingreifen und die er verändern kann, indem er in ihr durch die Vermittlung seines Leibes wirkt“[4], dann hatten weite Teile der ländlichen Unterschichten, der stadtbürgerlichen Bevölkerung und der handwerklichen Arbeiter eben ihre „Lebenswelt“ verloren. Das, was es zu verändern gab, wurde noch nicht verstanden und das, was man noch verstand, war schon verändert worden. Aus den feudalen Abhängigkeiten des komplexen Geflechts von Pflicht und Recht waren freie Lohnarbeitsverhältnisse geworden. Begrenzte, aber da verstehbar, ausreichend weite Horizonte, wurden in die Unendlichkeit aufgebrochen, um in engen Fabrikshallen nicht verstanden zu werden. Zeitflüsse, die an die beschränkten Bedürfnisse der Menschen gebunden waren, wurden beschleunigt, um an den Takt der Maschinen gekettet zu werden. Echte Befreiung und wirkliche Lohnsklaverei lagen dicht nebeneinander. Das Kapital wanderte und die entstehende Industriearbeiterschaft mit ihm. Einer, der diese neue Mobilität, Freiheit, Orientierungs- und Heimatlosigkeit nur zu gut kannte, war Julius Leopold Kinner. Er war Sinnbild dieser Zeit. Ein Mann zwischen Handwerk und Industriearbeit, zwischen Selbstständigkeit und Lohnabhängigkeit sowie zwischen brüderlicher Handwerksehre und solidarischem Klassenbewusstsein.

„Der Mann geht nicht von ungefähr in seinem schlichten Rock daher.“ (Matthias Claudius)

Julius Leopold Kinner wurde am 31. März 1837 als Sohn des Eisendrehers Matthias Kinner in Wien geboren. Sein Vater erlebte in gewissem Sinne schon den Wandel vom Handwerker zum Facharbeiter. Kinner sen. musste wie so viele dem neuen Geld nachziehen. So kam er zum Eisenbahnbau und daher nach Wiener Neustadt. Dieses „Provinzialstädtchen“ war bereits im 18. Jahrhundert von der Industrialisierung voll erfasst worden und wurde 1841 an das Schienennetz der Habsburgermonarchie angeschlossen. Hier besuchte der junge Julius Leopold die Volks- und Kreisschule, um nach der Schulpflicht nach Wien in die Buchbinderlehre zurückzukehren.[5] Der Lehrling kannte die neue Wirklichkeit des Elends des, im ungenauen Jargon der Zeit, so genannten „Vierten Standes“ und erlernte jetzt die alte Möglichkeit der Selbstständigkeit. Gerade diese Spannungen und Konflikte sollten Kinner politisieren; dialektisches Denken drängte sich in so einer Welt geradezu auf. Nach seiner Lehre begab er sich auf die Waltz, jene handwerkliche Wanderschaft, die zwar zeitweilige Heimatlosigkeit bedeutete, aber schon so vielen Handwerkern den Horizont erweitert hatte. Augsburg und Regensburg waren seine Stationen, bis er endlich in Ulm an der Donau landete. Dort wurde er Geschäftführer im Betrieb einer Buchbinderswitwe. In Ulm kam er nicht nur mit seiner späteren Ehefrau und Ulmer Uhrmacherstochter Berta Elise Susanna Niederegger in Kontakt, sondern auch mit den freieren Ideen des Königreichs Württemberg. Der Geist des Sozialreformers Schultze Delitzsch wehte hier genauso, wie erste Schritte hin zur Arbeiterorganisation getan wurden. Die Begriffe Verfassung und Parlament waren dort nicht so verschüttet und unterdrückt wie im Habsburgerstaat jener Tage. Bevor jedoch 1869 die erste Ortsgruppe des Ferdinand Lassalle’schen Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gegründet wurde, hatte Kinner 1862 Ulm schon wieder verlassen. Er kehrte zurück nach Wiener Neustadt, wo ihn nun das Schicksal so vieler früher Arbeiterführer erwartete: die politischen Erfolge der historisch notwenigen Arbeit an der politischen Vision und das persönliche Scheitern an der Trägheit der gesellschaftlichen Realität. Als „Galanterie-Buchbinder“ ließ er sich in der Neugasse  Nr. 277 – heute Herzog Leopold Gasse 26 – nieder. Er verrichtete seine handwerkliche Arbeit, so wie es sich für einen Meister im Bild der alten Zeit geziemt hätte. Aber die unvermittelten Spannungen zwischen alt und neu trieben ihn dazu, sich ständig auch politisch zu äußern.

„Organisiert euch!“ (In: Gleichheit, am 15. 7. 1872)

Mit den neuen Zeiten, den neuen Produktions- und Arbeitsverhältnissen und der neuen Armut, kamen auch neue „Probleme“. Und ein neues „Problem“ nannte sich bald selbst „Proletariat“. Die Fragen der Orientierungslosigkeit und Heimatlosigkeit der neuen Arbeiterschaft drängten nach neuen Antworten. Linderung der alltäglichen Not und weltanschauliche Verankerung in der neuen sich beschleunigenden Welt waren die Anforderungen jener Tage. In Wiener Neustadt, wo sich die Probleme der Industrialisierung schon so früh angestaut hatten, regte sich nun am Ende der 1860er Jahre sehr früh die sich organisierende sozialdemokratische Arbeiterschaft. Zuerst wurden diese proletarischen und handwerklichen Gruppen vom Liberalismus gefördert, um diesen so gegen die konservativ-klerikalen Kräfte zu stärken. Die Arbeiter wollten ihre eigene Kultur und Lebensweise entwickeln, kopierten aber zunächst die deutschnational-demokratisch bürgerliche in der Tradition des Jahres 1848. Mitten unter ihnen auch Julius Leopold Kinner. Um die großen Veränderungen lebbar zu machen, sollte ein Vereinsnetz geschaffen werden. Die Bedürfnisse des alltäglichen Lebens sollten mit dieser vereinssolidarischen Organisationstätigkeit gestillt werden. Kranken-, Alters- und Arbeitslosenversicherung, Gesangs- und schließlich Konsumvereine sollten diese Aufgaben im solidarischen Miteinander meistern. Zunächst sonnten sich auch noch die liberalen Bürger in dieser Sonne der Kleinarbeit: „Es ist kein zerstörender Geist, kein Geist des Umsturzes und der Anarchie, es ist ein Drang nach Bildung, Sittlichkeit und Veredelung des Daseins.“[6] Eine der größten Leistungen dieser pragmatischen Netzwerkarbeit und Eroberung des tristen Alltags gelang Julius Leopold Kinner. Er gründete mit anderen Genossen des Vereinsnetzes die 1. Arbeiter-Bau-Association.

„… und ist es der Revolutionär, der Mensch ohne  Heim und Herd, ohne Gesetz und Glauben, der sich in alle Angst und allem Irren versammelt. (…) der nicht behauste Mensch ist ein potentieller Verbrecher.“ [7] (Bernard Edelman)

Nach intensiver Vorbereitung konnte diese einzigartige proletarische Initiative am 25. September 1869 ihre eigentliche Arbeit aufnehmen. Das für dieses Projekt notwendige Geld wurde ohne Spenden wohlhabender Gönner oder milde Gaben, sondern nur mit Beiträgen der hiesigen Arbeiterschaft zusammengetragen. Im Vereinsstatut hieß es ganz in Kinners Sinne: „Die Association bietet Jedem, auch den Minderbemittelten, Gelegenheit, auf die leichteste Weise ein Haus oder den von ihm bewohnten Hausantheil als Eigentum erwerben zu können.“[8] Am 12. Dezember 1869 fand die erste Verlosung von Baugründen statt. Die Wohnungsnot war durch die neue Mobilität unerträglich geworden. Auf diesem selbstständigen Wege sollte sie von denen, die davon am meisten betroffen waren, gelindert werden. Zwischen 1870 und 1874 wurden mehr als 50 Einfamilien- und einige Zweifamilienhäuser gebaut werden. Diese Ermöglichung von Sesshaftigkeit sah Kinner als Chance der neuen amorphen sozialen Schicht, der neuen handarbeitenden Bevölkerung zwischen Stand, Namenlosigkeit und Klasse, eine geographische Heimat zu erschaffen, wodurch diese Menschen ihren Platz als „Klasse“ in der Gesellschaft finden und so diese verändern sollten. Heute noch erinnern einige dieser Arbeiterhäuser in der so genannten „Josefstadt“ an diese Pionierleistung sozialen Wohnbaus. Dieser Verein des Wiener Neustädter Arbeitervereinsnetzwerkes hielt trotz Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Zerfallserscheinungen der lokalen Arbeiterbewegung am längsten durch.  Erst am 16. 2. 1879 beschloss der Rest der Bauassoziation in einer Generalversammlung seine Auflösung. Der Gründer selbst sollte da schon aus Stadt und Funktion vertrieben worden sein.

„Ohne das allgemeine Wahlrecht, also eine praktische Handhabe, unsere Forderungen zu verwirklichen, können wir eine philosophische Sekte sein, aber niemals eine politische Partei.“[9] (Ferdinand Lassalle)

Bevor jedoch das Scheitern seinen Weg nahm, gelang Kinner wahrlich sein politisch größter Wurf: der Sprung in den Wiener Neustädter Gemeinderat. Was Kinner für die Bauassoziation war, war Ludwig Neumayr, einer der „Ideologen“ des Vereinsnetzes, für den politischen Verein „Gleichheit“, der als Basis für die Erringung des Sitzes im Stadtparlament diente. Neumayr hatte Sendungsbewusstsein und suchte nach einem weltanschaulichen Leitstern für die vielen Entwurzelten der neuen Zeiten. Die kosmopolitischen und sozialistischen Ideen der Ersten Internationale, waren für ihn ein solcher. Um politische Ideen umzusetzen war es für ihn unerlässlich einen politischen Verein und eine gleichnamige Zeitung zu gründen. Der Verein wurde 1874 verboten. Zunächst jedoch wurde Kinner am 10. November 1870 nach Neumayr’s Ausscheiden in die Position des Obmannes gewählt. Diese Chance nutze Kinner und öffnete sofort den Verein für kleinbürgerliche gewerbetreibende Wähler, deren Interessen immer mehr mit denen der Industriellen kollidierten. Nur so, war er überzeugt, könne es gelingen einen Vertreter in die lokale gesetzgebende Körperschaft zu entsenden. Das Gemeinderatswahlrecht bezog sich auf das Reichsgemeindegesetz von 1862 und war ein Zensus- und Klassenwahlrecht. Wahlberechtigt waren nur jene männlichen Gemeindemitglieder, welche die Staatsbürgerschaft inne hatten und auf Grund ihres Besitzes, Gewerbes oder Einkommens direkte Steuern zahlten. Hinzukam ein Dreiklassenwahlrecht, das zwischen Höchst-, Mittel- und Minderbesteuerten unterschied, wobei die wenigen Wähler der obersten Steuerklasse genauso viele Gemeinderäte entsandte wie die vielen der untersten.[10] Die Anzahl der Angehörigen einer Steuerklasse ergab sich aus einer nach der Höhe der abgeführten Steuern erstellten Wählerliste. Von den meistbesteuerten Personen abwärts zählend, bildeten jene Personen den I. Wahlkörper, die das 1. Drittel der Gesamtsteuerlast trugen, weiter abwärts zählend, wurden jene, die das 2. Drittel der Steuern entrichteten zum II. Wahlkörper zusammengefasst und schließlich aus der verbleibenden Fülle der Steuerzahler, die das letzte Drittel des Steueraufkommens trugen, setzte sich der III. Wahlkörper zusammen. Das bedeutete zum Beispiel im Jahre 1864, dass 160 Personen für den ersten Wahlkörper, 434 für den zweiten und 1.863 für den dritten wählen durften. Im Jahre 1870 durften in der untersten Wählerklasse 1.174 Personen wählen und 10 Delegierte in den Gemeinderat entsenden. Oft war es aber so, dass Doktoren und Professoren, die auch im ersten, oder zweiten Wahlkörper zum Zuge kommen konnten, für den dritten in das Stadtparlament zogen. Viele Wähler der untersten Steuerklasse trauten sich die Verantwortung als Mandatar nicht zu. Kinner thematisierte diese Schieflage und sagte: „Es ist eine Schande behaupten zu wollen, der III. Wahlkörper habe nicht 10 Männer aufzuweisen, welche die Fähigkeit hiezu hätten!“ Es gelang ihm schließlich als Kandidat des Arbeitervereinsnetzes mit 222 Stimmen  an achter Stelle in den Gemeinderat zu ziehen. Hier begann nun seine Arbeit als erster sozialdemokratischer Gemeinderat in Wiener Neustadt. Die Gemeinderatsprotokolle erzählen Bände von seiner Rührigkeit.

„Schon vor 50.000 Jahren, wie die Wissenschaft bewies, lebten Menschen auf der Erde, lange vor dem Paradies.“[11] (Julius Leopold Kinner)

Kinner kämpfte für Bildung, Wohnraum, Wahlrecht und Selbstachtung, um so die Befähigung zur Selbsthilfe zu erreichen. Er wollte der Arbeiterschaft eine „Behausung“ schaffen, um sie so zunächst als gleichberechtigten Teil der neuen Gesellschaft zu verankern und diese dann endgültig zu verändern. Alltägliches Arbeiten an einer anderen „besseren“ Welt war sein Universum. Er redete, stritt, dichtete, arbeitete, gründete und scheute keine Mühen – auch scheute er sein Scheitern nicht. Die obigen Zeilen über das „Paradies“ schrieb er gegen den „Syllabus, jenem Index, in dem die katholische Kirche 1864 unzählige „moderne“ Philosophien, theologischen Strömungen und Weltanschauungen zusammenfasste, die sie verwarf und verurteile. Dem liberalen Geist Kinner ging dies auf die Nerven und er dichtete ein viele Seiten langes Gedicht, den „Anti-Syllabus“. Dass er selbst so vielen mit seiner Arbeit geholfen hat, zwar keine Paradiese gründete aber Linderung schuf, sollte ihm nicht helfen, als es an seine Vertreibung ging. Nervend war der Gemeinderat Kinner geworden, all diese Forderungen nach sozialem Wohnbau, gratis Pflichtschulzugang und vor allem die Lust  seine „Reden mit caustischen Citaten und Sätzen zu würzen“[12], reichten nun den herrschenden Kräften. Egal ob liberal oder konservativ, alle waren der Meinung, der Kinner müsse weg! Obwohl er als „gemäßigt“ galt, war seine Beharrlichkeit und seine Politik der kleinen evolutionären Schritte für viele lästiger als revolutionäre Habitus und aufrührerisches Geschwätz. Die Justiz am Hals, Kerkerstrafen samt Fasten auf dem Buckel, die berufliche Existenz ausgehungert und die Gesundheit geschwächt, wurde es nun auch ihm zuviel. Der Dezember 1876 muss ein wahrlich schlimmes Monat für ihn gewesen sein. Er schied aus dem Gemeinderat aus und trat sein Geschäft an seinen Gehilfen J.F. Gleditsch ab. Der 1. sozialdemokratische Gemeinderat Wiener Neustadts zog sich nach Matzendorf zurück, um einen verödeten Schafstall in ein passables Gasthaus umzubauen. Passend zu seinem Leben dichtete er selbst: „(…) Es ist, wie ich ganz wohl begreif’, mein Nacken für die Welt zu steif. (…) Ich hielt die Menschen, arm und reich, / an Rechten alle, alle gleich. / Das war fürwahr von mir nicht klug, / die Welt macht Unterschied genug. / Wer diese Art nicht kultiviert / wird sicherlich bald ignoriert, / wer sich nicht schickt in diesem Brauch, / schreib sich zur Schuld die Armut auf (…).“[13]  In Matzendorf angekommen gab er jedoch nicht auf, gründete weitere Arbeitervereine, zeugte noch drei Kinder in fortgeschrittenem Alter, musste weiterhin Hausdurchsuchungen sowie Bespitzelung über sich ergehen lassen und verschließ auch jetzt noch seine Gesundheit. Die sich steigernde Armut konnte erst durch den Tode des Schwiegervaters und dessen Erbe behoben werden.

„Gut sei der Mensch aus Nächstenlieb und Pflicht allein, doch nicht um Himmelslohn, wie dies uns wird so schlau gelehrt. Aus inner’m Herzensdrang, aus schuld’gem Dank fürs eigne Sein, nur dies ist menschenwürdig, menschenwert.“[14] (Julius Leopold Kinner)

Der Wiener Neustädter Bezirksbote wollte einmal noch in einem Artikel Kinners Dekoration seiner Gaststätte für ein „in gegenwärtiger Zeit seltenes Arbeiterfest“ loben, beschrieb aber ungewollt sein Leben, indem in dieser Zeitung konstatierte wurde, dass es ihm gelungen war „aus einem vorher noch nahezu öden Grasflecken einen ganz respectablen Volksprater“ [15] zu erschaffen. Und genau das tat Kinner ein Leben lang. Der Ödnis einer noch nicht verstandenen, nicht begreifbaren, nicht gestaltbaren und somit unheimlichen Zeit, rang er mit Wirklichkeitssinn und Menschenfreundschaft Verständnis, Begriffe, Gestaltung und schließlich Heimat ab. Er starb am 6. Februar im Jahre 1894 an einer übergangenen Rippenfellentzündung, der eine Lungenentzündung vorausgegangen war. So bleibt nur noch zu berichten, dass an seinem Grab angeblich ein „Vertreter der Wiener Neustädter Arbeiterpartei“ gesagt haben soll: „So wahr die Sonne dieses Grab bescheint, werden die Ziele der Arbeiterschaft erreicht werden.“[16] Ein großer Satz. Dagegen spricht nur, dass Schlechtwetter und Nachthimmel auch ein Teil der Wirklichkeit waren und sind; wie uns das 20. Jahrhundert, das „Zeitalter der Extreme“[17], bitter gelehrt hat. Die bedingungslose Fortschrittsgläubigkeit des 19. Jahrhunderts jedoch, mochte halt nur an den hellen Tag und die lichte Sonne glauben.

Dennoch: Julius Leopold Kinner ist eine heutige Figur. Im gegenwärtigen konsum- und finanzkapitalistischen Glauben an das Individuum, in dem „Verantwortung und Initiative“ die Leitbegriffe sind, und nicht, wie im industriekapitalistischen Glauben an die Masse, „Schuld und Disziplin“[18], steht sein Denken und Wirken sehr zeitgemäß vor uns. Selbstverantwortlichkeit, Selbsttätigkeit, Selbstermutigung und eben Selbsthilfe waren wichtige Impulse für sein solidarisches sozial-demokratisches Denken und Handeln. So wie er am 17. Oktober 1891 als eine Art Testament niederschrieb: „Meine Kinder, meine Freunde sollen lebenslang sich überzeugt halten, dass ich selbstlos gekämpft habe für gleiches Menschenrecht, und dass meine vielen Niederlagen mich nicht entmutigt haben, bis an mein Ende.“[19] 

[1] Georg Herwegh, Die Partei, an Ferdinand Freiligrath. Nach: Georg Herwegh, Gedichte und Prosa (Stuttgart 1975) S. 52 [2] Wiener Neustädter Anzeiger, am 26. 4. 1862 [3] http://orf.at/050124-83035/index.html: "Da tickt eine Bombe" (25. 1. 2005): „Forscher warnen: Klimawandel könnte in nur zehn Jahren unumkehrbar sein (...). Die kritische Marke ist nach Forschermeinung bei einer Kohlendioxid-Konzentration erreicht, die die durchschnittliche Welttemperatur im Vergleich zum Jahr 1750 um mehr als zwei Grad Celsius ansteigen lässt. Das Jahr 1750 wählten die Forscher, weil in den darauf folgenden Jahrzehnten die Industrielle Revolution in Europa einsetzte und der damit einhergehende Klimawandel begann.“ [4] Alfred Schütz/Thomas Luckmann, Strukturen der Lebenswelt (Konstanz 2003) S. 29 [5] Vgl.: Michael Rosecker, Zwischen Provinz und Internationale. Die frühe Arbeitervereinswelt am Beispiel Wiener Neustadt. Vom Vormärz bis 1879 (Wiener Neustadt 2002) S. 99 ff [6] Stadtarchiv Wiener Neustadt: D 67/1-30 [7] Philippe Ariès/ Georges Duby (Hg.), Geschichte des privaten Lebens. Von der Revolution zum großen Krieg (Frankfurt/Main 1992) Bd. 4, S. 313 [8] Wiener Neustädter Stadtarchiv: 1868/2263 [9] Fritz Klnner / Erich Pogats (Hg.), Ferdinand Lassalle. Aus seinen Reden und Schriften (Wien/Köln/Stuttgart/Zürich 1964) S. 132 [10] Wilhelm Brauneder, Österreichische Verfassungsgeschichte (Wien 1998) S. 151 [11] Industrieviertel-Museum Wiener Neustadt: Handschriften von Julius Leopold Kinner. Übertragen von Karl Flanner. Die Übertragung liegt dem Autor vor. [12] Stadtarchiv Wiener Neustadt: Zitiert nach: 1871/2921. Übertragung von Karl Flanner. („Caustisch“ = ätzend, zynisch, Anm.: MR) [13] Zitiert nach: Karl Flanner, Von der Vereinssiedlung zur Josefstadt. Die Geschichte der 1. Arbeiterbau Genossenschaft 1869 (Wiener Neustadt 1979) S. 77 [14] Industrieviertel-Museum Wiener Neustadt: Handschriften von Julius Leopold Kinner. Übertragen von Karl Flanner. Die Übertragung liegt dem Autor vor. [15] In: Wiener Neustädter Bezirksbote, am 24. 7. 1886 [16] Zitiert nach einem Bericht, der ohne Autoren- und Zeitangabe dem Autor in Kopie vorliegt. Aus Industrieviertel-Museum Wiener Neustadt: Julius Leopold Kinner,  Schachtel 55 [17] Eric Hobsbawn, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichtliche des 20. Jahrhunderts (München/Wien 1995) [18] Alain Ehrenberg, Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart (Frankfurt/Main 2004) S. 10 [19] Industrieviertel-Museum Wiener Neustadt: Handschriften von Julius Leopold Kinner. Übertragen von Karl Flanner. Die Übertragung liegt dem Autor vor.

 

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