Oder warum wir uns unbedingt mit Jubiläen und Gedenkjahren auf die Nerven gehen sollen, um „freier“ zu werden. Von Michael Rosecker

Für Platon stand das Vergessen am Anfang allen irdischen menschlichen Lebens. Doch wo das Vergessen herrscht, ist die Erinnerung nicht weit. Und so spannt sich zwischen Erinnern und Vergessen individuelles und gesellschaftliches menschliches Leben in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf. Daher: Wer ein Gedenkjahr „Gedankenjahr“ nennt, sollte sich eben wirklich solche über Erinnern und Vergessen machen. Und alle, ob sie gegen das Jahr 2005 verbissen wettern oder es lächerlich bejubeln, sollten sich wenigsten überlegen, warum wir uns damit gegenseitig auf die Nerven gehen sollen, warum das Spiel mit dem Gedenken tiefer geht als wir glauben und warum Österreich dennoch dadurch „freier“ wird!
„Also: es ist möglich, fast ohne Erinnerung zu leben, ja glücklich zu leben, wie das Thier zeigt; es ist aber ganz und gar unmöglich, ohne Vergessen überhaupt zu leben.“ (1)
Wenn wir mit unserer anthropologischen Unbestimmtheit und der damit verbundenen Vergänglichkeit konfrontiert werden, dann erinnern wir uns gerne und würden gerne erinnerlich werden. Der „unbesetzte Horizont der Möglichkeiten“ (2) zwingt uns, uns zu erinnern, um nicht schon zu Lebzeiten zu verschwinden. Derselbe grenzenlose Horizont nötigt uns jedoch auch zu vergessen, da sonst die damit einhergehenden Zumutungen und Kränkungen die Grenzen des Aushaltbaren erreichen können. An diesen angelangt, setzen wir nur allzu gerne auf das Vergessen, müssen aber spätestens hier feststellen, dass Erinnern und Vergessen die penetrante Tendenz haben, sich der menschlichen Steuerung zu entziehen. Das, was man vergessen will, bleibt erinnerlich und das was erinnert werden soll, wird nur all zu leicht vergessen. Der Befehl „Vergesst es!“ zeigt das Dilemma. Er wird umso abstruser, je heftiger er ausgesprochen wird. So werden wir zwar durch unsere Erinnerungen erst zu uns selbst, ohne Vergessen würden wir aber mit der Zeit unseren Verstand verlieren. So stecken wir Menschen in der Klemme und es ist unleugbar, dass beides tief in unsere individuelle und gesellschaftliche Existenz eingreift. Der Kunstgriff gegen dieses Dilemma ist das Erzählen der Erinnerungen, das Schaffen von Geschichten. Diese vereinen Beständigkeit (also kreative Erinnerung) und Veränderbarkeit (also sublimiertes Vergessen).
„Vergeben und Vergessen heißt gemachte kostbare Erfahrungen zum Fenster hinauswerfen.“ 3)Â
Die Erinnerung soll uns Unveränderliches im Strom unserer Lebenszeit bereitstellen. Trotzdem ist es eine ihrer wichtigsten Eigenschaften, sich selbst zu verändern. Alleine unsere persönlichen Erinnerungen, vor allem die Lebensgeschichten, die wir daraus machen, ändern sich radikal mit der Zeit. Schon kleine Ungenauigkeiten in der erzählten Geschichte, definieren bereits neue zukünftige Erinnerungen als neue Erzählungen. Ebenso tendieren bewusste Verfälschungen dazu, einst reale Erinnerung zu werden. Die Wahrnehmung der Vergangenheit wird durch die Erinnerung laufend verändert und anders erzählt. Genauso fließend wie die individuellen funktionieren auch die kollektiv-gesellschaftlichen Erinnerungen von Gemeinschaften, Gesellschaften, Staaten usf. Der Unterschied ist, dass Manipulationen dieser Erzählungen meist weitreichende Folgen haben.
Ein Beispiel der Veränderlichkeit aber auch Beständigkeit der Erinnerung ist die Erzählung des „Schiffs des Theseus“. Mit diesem soll der mythischen Überlieferung nach der besagte Held nach Kreta gefahren sein, um athenische Geiseln aus der Macht des Minotaurus zu befreien. Seither schickten die Athener jährlich das Schiff des Theseus nach Kreta, um der Befreiung zu gedenken. Nach Plutarch soll dieser Brauch mythologische tausend Jahre bestanden haben. (4) Es liegt auf der Hand, dass das zeitigende Holz des Schiffes permanent ausgetauscht werden musste, um die angeblichen tausend Jahre halten zu können. Mit diesen Planken wurde freilich nicht nur das Schiff als Objekt verändert, sondern auch als Erzählung.
Heute, im naturwissenschaftlichen Zeitalter, plagen uns ebenfalls Erinnerungsprobleme, sogar mit Geschichten der Zukunft. Wir produzieren heute Dinge, die nicht permanent erneuert werden müssen wie Holzplanken, um tausend Jahre zu halten. So bemühte man sich in den USA vor einiger Zeit darum, einen Weg zu finden, „unsere Nachkommen vor uns selbst zu schützen“ (5). Es sollte eine „Sprache“ gefunden werden, um mit der Zukunft zu kommunizieren. Man wollte ein Warnsystem der Endlagerstätten für hochradioaktiven Müll entwickeln. Die Zeitdimension des Erinnerns betrug 10.000 Jahre. Ein Vorschlag, um das zu gewährleisten, war die Implementierung von „Erinnerung“. Alle Beteiligten waren sich einig, dass eine Warnung künftiger Generationen nur möglich sei, wenn eine Geschichte erzählt würde. Der Zusammenhang von Ursache und Wirkung der Strahlung könne nur so die Zeit überdauern. In kaum einem anderen Bild als diesem treten uns Beständigkeit und Veränderbarkeit des erzählten Erinnerns so aussagekräftig gegenüber. Ohne Erzählung keine Erinnerung, ohne Erinnerung keine Zukunft.
Was bei Erzählungen über unsere Erinnerungen als selbstverständlich gilt, nämlich dass diese um so unwahrer oder unwirklicher werden, je länger sie zurückliegen, soll bei unseren modernen Erinnerungen plötzlich nicht zutreffen, da sie wissenschaftlich objektiver, daher wahrer oder wirklicher sind? Vor allem der Ansatz, dass jene naturwissenschaftliche Objektivierung, die Fakten gegen Erinnerungen und Bericht gegen Erzählung stellt, ausdrücklich bei zeitlich wachsender Distanz (z.B. 60 Jahre), ein Mehr an Wirklichkeit und Wahrheit schaffen soll, ist zumindest hinterfragbar. Was bedeutet diese Hinterfragung — und das ist für das Jahr 2005 und für Österreich wichtig — zum Beispiel für die Erinnerung an den Nationalsozialismus und seine Verbrechen? Vor allem wenn uns demnächst die zeitzeugenlose Zeit bevorsteht. Was bleibt, ist die Erkenntnis: Erinnerung synthetisiert Veränderung und Bestand, sie verändert sich und uns und wir verändern sie. In dieser Kette der Erinnerung muss sich jede Generation selbst legitimieren und daher selbst Geschichten erzählen und all das in ihrer Sprache. Einfache Tradierung hat keinen Sinn, bewusste Übersetzung ist von Nöten. Die Alternative ist, dass andere sich erinnern, andere sich Geschichten erzählen und andere Veränderungen zu ihren eigenen Gunsten vornehmen.
„(…) wenn Menschen verstummen, sprechen Steine (…).“ (6)
Hier wird klar, dass Herrschaft und Macht sich stets des Erinnerns und des Vergessens bemächtigt haben. Erinnerungen an große Männer und Taten sollten Despoten, Macht und Staaten legitimieren und Identitäten schaffen. Die damnatio memoriae hingegen sollte mittels Vergessen unliebsamen Menschen und ihren Ideen jegliche Existenz nehmen. Das Gedenken, ob im Ritual oder in Stein gehauen, versuchte durch Erinnerung die Zeit zu bannen, Dauer zu vermitteln und über die Zeit hinauszureichen. Vergangenheit bemühen, Gegenwart legitimieren, Zukunft schaffen und damit Identität generieren. Mit dem Vergessen sollte dann eben das genaue Gegenteil erreicht werden. So waren Erinnern und Vergessen immer auch eine Frage von Macht und Ohnmacht, von Herrschaft und Knechtschaft sowie von Leben und Tod, im gesellschaftlichen aber auch im individuellen Leben. Wer altersdemente Menschen beobachtet, wird erkennen, wie auch hier delegitimiert, Macht entzogen und schrittweise sogar die Vergangenheit genommen und somit Identität zerstört wird.
Michel Foucault sprach bei seiner Diskursanalyse von den „Herren des Diskurses“ (7). Dem folgend kann man auch von der Herrschaft des Erinnerns und Vergessens sprechen. Hinter allem Erinnern und Vergessen stecken auch Machtordnungen. Instanzen suchen nach gesellschaftlichen Positionen, die sie legitimierten, über Erinnern und Vergessen zu entscheiden. Die Basis dieses Machtspiels mit der Erinnerung war zum einen die Angst vor dem Vergessenwerden. Weniges fürchteten Mächtige so sehr, wie die Erkenntnis Foucaults, dass die Spur des Menschen in der Welt vergeht wie ein Gesicht am Meeresstrand. Zum anderen spekulieren Mächtige auch mit dem Vergessen, da das Alte zunächst vergessen werden muss, um das Neue durch Erzeugung von Erinnerung alt zu machen. Macht ist ein schwankender Boden, Erinnerung auch. So versuchen Gedenkjahre oder auch „Gedankenjahre“ immer neu zu definieren, umzukodieren und neu zu legitimieren. Sie sollen als Stifter von Identität, von Recht und Ordnung dienen, in dem sie Geschichten erzählen, also auch Erinnerung schaffen. Wer erzählt, schafft Begrifflichkeiten und diese wiederum machen aus dem Unvertrauten Vertrautes, aus Unerklärlichem Erklärliches, aus Unbenennbarem Benennbares. So entsteht erinnerbare Wirklichkeit. Dies gilt trotz zur Schau gestelltem Desinteresse an Geschichte und Phrasenreichtum über die Zukunft, gerade auch in Zeiten mit hohen Veränderungsgeschwindigkeiten ihrer Systemzustände.
„Alles Weltvertrauen fängt an mit den Namen, zu denen sich Geschichten erzählen lassen.“ (8)
 „Das Erfassen des Gegenwärtigen und Wirklichen“, wie Hegel es umriss, ist die Voraussetzung für die Fähigkeit Geschichten zu erzählen. Der Widerspruch zwischen Geschichtenerzählen und Wirklichkeit ist nur vermeintlich, die Grenze zwischen Erfinden und Erkennen fließend. Denn man muss seine Wirklichkeit und Zeit gut kennen, um gute, erfolgreiche und wirkmächtige Geschichten erzählen und eine visionäre Sprache entwickeln zu können. Erst dadurch ermächtigt man sich selbst. Auch heute noch, ungemindert.
Aktuelle Studien (9) zeigen, wie das Stichwort „KZ“ in der breiten Öffentlichkeit schrittweise vergessen wird, und die neoliberale Realität zeigt, wie das Hohelied des Kapitalismus in zeitgerechter Sprache neu erzählt wird und wir kodiert werden.
Daher ist die Aufforderung „Vergesst vergessen!“ eine Aufforderung ein Stück mehr Freiheit für die österreichische Öffentlichkeit zu schaffen. Erinnerung an Ereignisse, Theorien und Personen, die für verschiedenen gesellschaftliche Milieus, Berufgruppen oder Organisationen von Bedeutung sind, können erinnerlich werden, indem sie neu erzählt werden. Selbstermächtigung durch Gedenken und Neuerzählen. Die Erinnerung des gequälten Herrn Friedrich Zawrel an den quälenden Herrn Dr. Gross und den „Spiegelgrund“ wollte niemand hören, bis er die Geschichte gut 30 Jahre später einer Tageszeitung erzählte. (10) Dann plötzlich entstand Erinnerung und Änderung. Wem fünf Jahre Schwarz-Blau auf die Nerven geht, der soll sich an 50 Jahre Allgemeines Sozialversicherungsgesetz erinnern. Und plötzlich wird den widerlichen Geschichten des ineffizienten Kaputtsparens, vielleicht eine neue Geschichte des Versuchs der Gerechtigkeit gegenübergestellt. Wer durch den 200. Todestag Schillers genervt wird, muss nur des 100. Geburtstags von Jean Paul Sartre gedenken. Schon wird eine neue Geschichte erzählt, man erinnert sich anderer Inhalte und generiert andere Werte für heutige neue Debatten. Damit schafft man die Möglichkeit, dass neue Generationen sich Vergangenes erobern können, in dem sie gedenken und das Gewesene neu erzählen, in der Sprache ihrer Zeit. Schließlich: Wem Österreichs „Befreiung“ von den Besatzungsmächten 1955 unmotiviert kurz gegriffen sowie politisch motiviert vorkommt, der gedenke zusätzlich der Befreiung vom Faschismus 1945 und wird seinerseits noch immer vielen anderen auf die Nerven gehen.
Daher: „Vergesst vergessen!“, ist eine politische Einladung an oder sogar ein Gebot der Verantwortung für all jene, die sich an der unterentwickelten politischen und medialen österreichischen Öffentlichkeit reiben. Eigene Erinnerungshoheit, eigene Geschichten, die in heller Öffentlichkeit erzählt werden, stiften Bezugspunkte sowie Identität, pflegen die Sprache der Gegenwart und erobern das Vergangene, das für bestimmte Werte, Organisationen oder Personen von Relevanz ist, um in einer erdrückenden, ja vielleicht feindlichen Umgebung genügend Persistenz zu entwickeln. Diese Persistenz ist notwendig, um die eigene Rolle aushalten und sie daher spielen zu können. Nur so kann Veränderung implementiert werden. Dadurch entsteht eine Vielfalt an Erinnerungskulturen, gesellschaftlichen Diskursen, öffentlichen Ärgernissen, neuen Ansätzen des Verstehens, und Veränderung wird selbst provoziert. Vor allem wird auch öffentlich-mediale Aufmerksamkeit umverteilt und Selbstwert erzeugt. Selbstschöpfung, Selbstorganisation und Selbstermächtigung. Die Unordnung des Erinnerns ist subversiv. Sie schafft Gegenpole, Freiräume, Korrektive und Diskurse. Die Vielfalt des Erinnerns ermöglicht Menschen, sich selbst die eigenen Geschichten in eigener Sprache zu erzählen und sich eine andere Zukunft zu erschaffen. Erinnern und Erzählen ermöglicht die Bewältigung des anstrengenden Weges von der nur gedachten Möglichkeitsform der Veränderung über den handfesten Wirklichkeitssinn hin zur eigenen Verfügung über eigene Möglichkeiten. Erst über diesen Weg sind eigene „Mächtigkeit“ und Veränderung möglich. (11) Österreichs Öffentlichkeit, Österreichs Diskursfähigkeit und Österreichs Selbstbild würden ein Stück freier werden.
Wenn diese Arbeit ein „Gedächtnisjahr“, „Gedankenjahr“ oder einfach nur ein „Gedenkjahr“ leistet, dann hat es seinen Zweck für die Zukunft erfüllt. Es sind jedoch schwere Zweifel anzumelden, ob Österreich dies 2005 gelingen mag, dank der Geschwätzigkeit der Macht und der Maulfaulheit der Ohnmacht.
Dieser Artikel ist erschienen in: "Xing" 02/05 und in überarbeiteter Form in "Zukunft" 05/05
(1) Friedrich Nietzsche: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, Köln 1994. (2) Hans Blumenberg: Arbeit am Mythos, Frankfurt a.M. 1996. (3) Arthur Schopenhauer: Philosophie für den Alltag, Leipzig 1999. (4) Ekkehard Martens: Philosophieren mit Kindern. Eine Einführung in die Philosophie, Stuttgart 2002. (5) Frank Schirrmacher, „Zehntausend Jahre Einsamkeit. Wie wir unsere Nachkommen vor uns selber schützen wollen“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. 9. 2000. (6) Heinrich Heine über Napoleon Bonaparte. Zitiert nach Eckart Kleßmann: Napoleon. Ein Charakterbild, Weimar 2000. (7) Michael Foucault: Die Ordnung der Dinge, Frankfurt a.M. 2003. (8) Blumenberg, a.a.O. (9) IMAS International-Report: Der Zweite Weltkrieg entrückt der Erinnerung und dem Wissen. Nr. 15. 2004 (10) Vgl.: Wolfgang Neugebauer/Peter Schwarz: Der Wille zum aufrechten Gang. Offenlegung der Rolle des BSA bei der gesellschaftlichen Reintegration ehemaliger Nationalsozialisten, Wien 2005. 11) Vgl.: Wilhelm Schmid: Mit sich selbst befreundet sein, Frankfurt a. M. 2004