Verändern ohne Erlösen
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Verändern ohne Erlösen
Von der körperlichen Unmittelbarkeit der Kunst eines Freundes – Karl Schlager. Von Michael Rosecker

Wer Karl Schlagers Bilder kennt, ahnt es: „Das menschliche Leben ist ein schmaler Grat.“ Wer Karl Schlagers Bilder sieht, dem dämmert: „Das menschliche Leben bewegt sich auf dünnem Eis.“ Wer Karl Schlagers Bilder liebt, der weiß: „Menschliches Leben kann auch scheitern, es muss aber nicht.“  Und eine kleine Handreichung zu diesem „Es-muss-aber-nicht“, wird hier in leicht verdaulicher Dosis geliefert.

Der Philosoph Arthur Schopenhauer meinte im zarten Alter von 23 Jahren: „Das Leben ist eine missliche Sache“. Und es fällt uns nicht immer schwer diesen Gedanken nachzuvollziehen. Wer in die ungerechte und grausame Welt blickt, wer die Gefahren des Alltags erkennt, wer die Erfahrungen von der Hinfälligkeit  des menschlichen Körpers macht, die Verletzungen der Liebe kennt und wer schließlich vom Tod erfährt, der wird dem Leben doch zumindest mit Skepsis, oftmals Angst, Schmerz und Trauer gegenüberstehen. Unzählige Religionen haben deswegen das Diesseits, also die Welt wie sie ist, als deformiert, schlecht und nur als Ballast, den es abzuwerfen gilt, gesehen. Das Sinnbild dafür war meist der Körper: Verrucht, schwach, vergänglich. Für Platon war der Leib folglich ein Grab. Zu oft wurde immer auf ein Jenseits verwiesen, in dem dann alles gut werde. Aber auch politische oder ökologische Bewegungen reden, den Widersprüchen des menschlichen Lebens folgend, all zu gerne vom falschen Bewusstsein und vom falschen Leben in einer grundfalschen Welt. Man müsse erst durchdringen zum wahren Leben. Gleichsam hinter der falschen Welt, gäbe es eine richtige, wahre und gute Welt bzw. Gesellschaft. Erst in dieser sei dann das wahre Leben möglich. Und es ist egal, ob diese richtige, wahre und gute Welt ein jenseitiges Himmelreich oder ein diesseitiges Paradies ist. Die Gedanken laufen auf das Selbe hinaus: Die Welt ist schlecht! In diesem Zusammenhang ist nur bemerkenswert, dass die meisten dieser Bewegungen, Parteien und Religionen, die an die Macht gekommen sind, auch sehr viel Leid über Mensch und Welt gebracht haben. Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, Nationalsozialismus, Kommunismus oder esoterische Heilslehren, sie alle wetterten gegen das falsche Leben und gegen die falsche Welt, um sie noch „schlechter“ zu machen.Interessanter Weise haben diese Bewegungen der „Verteufelung der Weltbeheimatung“  (Jan Assmann) doch nie so viele Anhänger gefunden, dass der endgültige „Welt-Exodus-Exitus“ unwiederbringlich zu organisieren gewesen wäre. Weltuntergänge und Götterdämmerungen wurden stets wieder verschoben. Dennoch muss zugegeben werden: Ja, das Leben ist schwierig. Es ist oft grausam, gleichgültig, schreitet unbekümmert über uns Individuen hinweg; und es ist einfach tödlich. Wenn wir glauben der Nabel des Universums zu sein, unser Elend oder Schmerz stelle uns ins Zentrum der Aufmerksamkeit, dreht sich die Welt ungerührt weiter. Sie hält nicht inne, spendet nicht Trost und gedenkt dem Individuellen nicht, wenn es vergeht. Dies ist die „Abwesenheit der guten Gründe in der Welt“ (Rüdiger Safranski).

Ein weiteres Bekenntnis: Ja, das Leben in moderner Zeit wo uns kein Himmel, kein sakraler Raum, kein Fürst und keine Ideologie mehr schützt, überfordert uns noch mehr. Wir Heutigen haben mit der Selbstverantwortlichkeit des vereinzelten Menschen und seiner „transzendentalen Obdachlosigkeit“ (Georg Lukács) zu kämpfen. Wie schrieb bereits der Dichter Novalis im 18. Jahrhundert über die moderne Welt: „Der Mensch geht nicht mehr, wo immer er auch hingeht, nach Hause.“

All das zu leugnen oder es zu fliehen, wäre töricht, selbstverdummend, verantwortungslos und es wäre sogar feige. Wie also das Leben leben? Wie es nehmen? Wie es führen, so dass es nicht scheitert oder auch nur als gescheitert empfunden wird? Die Antwort ist nicht leicht. Aber ein Blick auf Karl Schlagers Bilder hilft, das Leben des Lebens als Lebenskunst zu sehen! Dazu acht Anregungen (nach Jochen Hörisch):

  1. Das individuelle Leben ist die festliche Ausnahme vom Normalfall des Nichtseins! Und sollte es ein Jenseits geben, so ist es auch gut, aber dies gibt niemanden das Recht, das Leben diesseits abzuwerten.
  2. Das menschliche Lebens ist ein Glühen und Vergehen, aber auch ein Überfluss und eine wunderbare Verschwendung, der man sich nur einmal stellen, die man auch nur einmal genießen kann.
  3. Es gibt Tatsachen des Lebens, die weder heilbar noch vermeidbar sind. Sie sind Teil des Lebens. Ideale Welten, in denen sämtliche Existenzprobleme gelöst werden, existieren nicht.
  4. Nicht immer der großen Dinge harren. Nicht auf die Realisierung großer Ideen oder Weltrevolutionen hoffen. Veränderung beginnt im unmittelbaren Umfeld, beginnt im alltäglichen Lebensvollzug.
  5. Nicht trotz des unausweichlichen Todes, sondern wegen der Endlichkeit des Daseins so  leben, dass man es versucht dem Sein Sinn zu geben. Hier und jetzt oder nie!
  6. Einen Umgang mit sich selbst finden, der diese Einzigartigkeit der Individualität nicht fürchtet als Einsamkeit, sondern als „Arbeit am wir im selbst“ versteht.
  7. Immer radikal, aber niemals konsequent denken (Walter Benjamin), denn nicht immer folgt eines aus dem anderen. Es gibt unzählige Brüche, Störungen, Unbestimmbarkeiten und Umschlageffekte, die zwar selbst Wirkungen haben, aber nicht aus den Ursachen folgen, die wir selbst annehmen. Wir leben nur allzu oft unter einer „Kontrollillusion“, die die „zweiseitige Unendlichkeit möglicher Ursachen und möglicher Wirkungen“ negiert (Niklas Luhmann).
  8. Es gibt keine Garantie, dass dein Leben gelingt. Das Scheitern ist ein Teil des Seins!

Dem ist einstweilen nichts hinzuzufügen, außer eine Frage Goethes: „Denn wozu dient all der Aufwand von Sonnen und Planeten und Monden, von Sternen und Milchstraßen, von Kometen und Nebelflecken, von gewordenen und werdenden Welten, wenn sich nicht zuletzt unbewusst ein glücklicher Mensch seines Daseins erfreut.“All das kann man in Karl Schlagers Bildern gleichsam körperlich lesen bzw. spüren. Dafür muss man sich aber auf seine Bilder und deren Unmittelbarkeit einlassen. Man muss auf seinen Körper und seine Gefühle hören, man muss in die Unmittelbarkeit des Jetzt einsteigen. Dann gewinnt man Augenblicke in denen erkannt werden kann, dass das Leben ist wie es ist. Und wer es ändern will, muss es einmal so nehmen wie es eben ist. Diese Augenblicke der Unmittelbarkeit sind eine Art Meditation, in der körperlich-emotionale Kraft geschöpft werden kann, die Welt zum für Menschen Lebbareren zu verändern ohne sie – Mensch und Welt –  je erlösen zu können. 

Dieser Artikel erscheint in BravDa 03/06

Literatur: Johann Wolfgang von Goethe: Winckelmann und sein Jahrhundert (1961) / Jochen Hörisch: Es gibt (kein) richtiges Leben im falschen (Frankfurt/Main 2003) / Georg Lukacs: Die Theorie des Romans. Ein geschichtsphilosophischer Versuch über die Formen der großen Epik (München 1994) / Niklas Luhmann: Die Politik der Gesellschaft (Frankfurt/Main 2000) / Rüdiger Safranski: Das Böse oder das Drama der Freiheit (Frankfurt/Main 1999) / Wilhelm Schmid: Mit sich selbst befreundet sein. Von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst (Frankfurt/Main 2004) / Hans Georg Zilian: Unglück im Glück. Überleben in der Spaßgesellschaft (Wien 2005)

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