oder die Armut des Reichtums! Von Michael Rosecker

Der Mensch lebt nicht von Brot alleine! Eine ebenso windige wie unumgängliche Erkenntnis, deren sich gerade die Sozialdemokratie besinnen sollte. Die Sozialdemokratie ist in ihrer banal materialistischen Trias von Brot, Arbeit und Wohnung an den Rand des Abgrundes geraten, da sie mit dieser Dreifaltigkeit beinahe geistig und emotional verödet wäre. Es muss uns spätestens seit den 90er Jahren klar geworden sein, dass alleine mit der materiellen Absicherung der Menschen nicht automatisch deren Möglichkeit ihrem offenen Horizonten gemäß, ein erfülltes schöpferisches Leben leben zu können, zum Durchbruch verholfen wird. Nach Marx: Ein Leben, bei dem die „freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“! Davon ausgehend soll die westliche „Zivilisation“ und vor allem die kulturelle geistige sowie emotionale Armut des konsumistischen Finanzkapitalismus der vereinzelten vereinsamten Masse kritisiert werden. Es ist vielleicht zu kurz gegriffen, blendet den globalen Zusammenhang aus und entspricht nicht der sozioökonomischen, eben zu oft banal materialistischen Denkmuster und „Wahrheiten“ der Linken. Aber man wird jene Zivilisation, die jene bestehenden globalen Verhältnisse erschaffen hat, selbst tief in ihrem Herzen kritisieren müssen, um die Wirklichkeit beschreiben zu können. Arthur Schopenhauer hat geschrieben: „Welche Fackel wir auch anzünden und welchen Raum sie auch erleuchten mag; stets wird unser Horizont von tiefer Nacht umgrenzt sein!“ Eine bittere Erkenntnis? Nein! Viel mehr spiegelt sich darin die Freiheit, die Selbstverantwortlichkeit, der Sinn und die Möglichkeit des Menschen als schöpferisches Wesen wider. Aber wir leben jedoch heute im konsumistischen Finanzkapitalismus. Und dieser ist ein Räuber! Ein Räuber von Fackeln und ein Räuber von Horizonten. Er ist ein Räuber von den Bedingungen der Möglichkeit des Menschseins. Warum?
Zum Ersten: Der heutige Kapitalismus ist ein Räuber von Selbstverantwortlichkeit. Am Beispiel USA: Das Land der Freiheit und der Selbstverantwortlichkeit heißt es. Doch ist das nur ein sehr kleiner Teil der Realität; Denn wer den amerikanischen Lebensalltag analysiert, erfährt auch vieles andere. In den Vereinigten Staaten herrscht der hymnische Kult des Kindes, der Europa ebenso immer mehr erfasst. Die Kindheit ist heilig, beneidenswert und das Erwachsenwerden wird als zweite Vertreibung aus dem Paradies verstanden. Dahinter verbirgt sich aber die Sehnsucht der Menschen nach Unmündigkeit und Verantwortungslosigkeit. Durch Volldröhnung über Medien, Werbung, infantilen Konsumgütern und Scheinbedürfnissen wird ein Netz des Sich-Gehenlassens gesponnen. Weiters wird die Welt in den Medien als nicht veränderlicher Moloch der Widrigkeiten, der Hindernisse und des Übels dargestellt. Nebenher wird ein Kult des Einzelnen gefeiert, der jeden Menschen überfordert, ihn vereinsamt und ihn scheinbar via Fernsehen die Universalverantwortlichkeit für alles und doch nichts überschreibt. In dieser Überforderung wächst der Kult des Kindes und die Sehnsucht unverantwortlich, der Wunsch eben Kind zu sein. Ein Manifest des infantilen Individualismus könnte lauten (nach Pascal Bruckner): Wir leben die Utopie auf das Verzichten verzichten zu können: Lebe immer so, dass du immer das bist was du bist und verharre auf deinem Status quo. Vermeide jede Anstrengung, die dich nicht in deiner fordernden konsumierenden Einzelheit bestärkt. Kümmere dich nicht um Reformen, noch um Fortschritt, noch um Verbesserungen, noch um die anderen. Unterdrücke kein Verlangen: Alle Menschen haben Pflichten nur du nicht. Die Gewissensfreiheit ist Ballast, vielmehr gilt die Freiheit vom Gewissen überhaupt. Das ist jedoch die Antithese zu einem freien selbstverantwortlichen Leben. Um man selbst werden zu können, muss sich das Sein vorwärts bewegen, müssen die Möglichkeiten, die in einem stecken, erneuert werden. Selbstverantwortlichkeit braucht Anstrengung, Denken und Handeln. Michel Foucault nannte dies die „Technologien des Selbst“, als Selbstgestaltung und frei gewählter Selbstumgang. Hindernisse sind nicht die Leugnung von Freiheit, sondern die Bedingung dafür. Der Kapitalismus hingegen ist ein perfider Räuber von Selbstverantwortlichkeit, denn er entlässt uns in eine scheinbare allumfassende Selbstverantwortlichkeit, da er uns vereinzelt und überfordert, um dann im nächsten Atemzug seinen Bürgern und Bürgerinnen die passiven Segnungen des Konsumismus zu schenken, die sie entlasten, entmündigen und unverantwortlich machen sollen. Das Elend von Jubel, Trubel, Heiterkeit! So hieß es bei Friedrich Nietzsche nicht, „sei der du bist“, sondern „werde der du bist“.
Zum Zweiten: Der Kapitalismus ist ein Zeiträuber: Wir leben in einer Zeit die vorgibt, die effizienteste zu sein. Eine Zeit des schnellen Handelns, der Aktivität, des permanenten Schaffens und der permanenten Kreativität. So ist es jedoch paradox, dass erstens Menschen noch nie so viel arbeitsfreie und entlastete Zeit zur Verfügung hatten wie heute und trotzdem so viel Zeit nichts selbsttätig getan und nichts selbstständig gedacht haben. Weiters ist es paradox, dass in der Zeit des Fit- und Kreativseins, in der Zeit des permanenten Fortschritts noch nie so viel herumgesessen wurde; Menschen also noch nie so intensiv angehalten werden mussten, sich überhaupt zu bewegen. Die Zeitnot wird die Pest des 21. Jahrhunderts. Niemand hat Zeit, obwohl niemand noch nie so viel Zeit hatte. Im konsumistischen Finanzkapitalismus haben wir die Stechuhr verinnerlicht, um über dem Nichtstun bitterlich und überfordert zu ermüden. Und sind wir dann ermattet, können wir hektisch in Zeitnöten, Zerstreuung suchen. Zeithorizonte werden zerstört, da der Druck der davoneilenden Zeit ständig wächst, um immer mehr Entspannungsmöglichkeiten von der Anstrengung der nicht genutzten Zeit zu genießen. Die Zeitnot macht aus allem Schöpferischen lediglich das Geschäftige. Arbeitszeit, Freizeit und Todzeit verschwimmen. Der französische Philosoph Pascal Bruckner hat es zynisch wie folgt genannt: Wir sind nichts anderes als „stachanowistische Müßiggänger“. Lebenslanges Lernen, Flexibilität und Mobilität als Dogma des fortschrittlichen Überlebenskampfes? Nein, vielmehr Werkzeug der Zeitvernichtung. Mittel einer lebenslangen Hetzerei ohne Ende, ohne Muße. Lebenslanges Lernen als Weg zum Ziel der ermatteten Verblödung.
Zum Dritten: Der Kapitalismus ist ein Räuber von Lebenssinn: Heute wird vorgegeben, dass unser System alle Ressourcen effizient nützt. Dass der Mensch ebenso Ressource geworden ist, ist kein neues Phänomen, sondern begleitet uns seit der Industriellen Revolution. Jedoch wurde heute eine neue Qualität erreicht, da vorgegeben wird, dass jeder in Freiheit seinen eigenen Weg gehen und sich nach seinen Fähigkeiten frei entwickeln kann. Und gerade diese vermeintliche Entwicklungsfreiheit macht die Realität noch bitterer als in den vergangenen beiden Jahrhunderten. Der Mensch, der heute nicht seine Befähigungen und Möglichkeiten leben kann, muss dieses Nichtkönnen als selbstverschuldetes Gebrechen empfinden. Aber, dass er nicht voll zur Verantwortung gezogen werden kann liegt auf der Hand. Es wird härter denn je nur nach dem Ziel des Profits gewirtschaftet und nicht nach Bedürfnissen. Zufälle, Verhinderungen und eben Profitinteressen sind nicht interessiert effizient den Lebenssinn des Einzelnen über sinnvolles und befähigtes Tätigsein zu ermöglichen. Jeder Mensch empfindet Befähigungen und Können. Er empfindet klarerweise Sinn und Lust in gerade dieser Kreativität. Sei sein Können auch noch so banal, er wird beste Arbeit leisten dabei, da er Sinn und Freude empfindet. Wenn wir heute hören wie effizient unser System sei, würde der Autor gerne befähigt sein, eine Gegenrechung aufzustellen: Eine Rechung, die uns vor Augen führt wie viel an „Effizienz“, „kreativem Können und Wissen“, sowie „Sinn und Freude“ alltäglich vernichtet werden, nicht aus Effizienzgründen, sondern aus Zufall, aus falschen Kosten-Nutzen-Rechnungen heraus, aus Egoismus und dessen Begleiter der Borniertheit und schließlich aus Ungerechtigkeit. Es würde uns alle verrückt machen, wenn wir wüssten wie viel natürliche Ressourcen tatsächlich schon „für nichts“ vernichtet wurden. Ebenso die Erkenntnis wie viel geistig-menschliche Kapazitäten die Armut der Welt und die ungerechte Verteilung der Lebenschancen schon vernichtet haben, würde uns den Verstand rauben. Für Marx hieß es: „Ein Individuum in seinem normalen Zustand von Gesundheit, Kraft, Tätigkeit, Geschicklichkeit, und Gewandtheit hat das Bedürfnis nach einer normalen Portion Arbeit und von Aufhebung von Ruhe. Jeder nach seinen Bedürfnissen und jeder nach seinen Fähigkeiten!“ Die Kostenwahrheit kapitalistischer Effizienz wird zur moralischen Forderung und zur Sinnfrage des einzelnen Menschen.
Zum Vierten: Der Kapitalismus ist Räuber der Hoffnung: Für Ernst Bloch macht das Hoffen den Menschen offen und aktiv. Es besiegt Angst und eröffnet Horizonte, die durch das Hoffen erst erschaffen und auch erreichbar werden. Heute wird viel von Hoffnung gesprochen. Nur unterliegen wir einer Begriffsverwechslung. Heute ist Sehnsucht gemeint und nicht Hoffen. Rund um die Uhr und in allen Medien, die uns Heutigen zur Verfügung stehen, werden Sehnsüchte erweckt. Sehnsüchte nach einem guten Leben, nach Gütern und Befriedigungen. All dies wird aber nie erreichbar sein. Denn wenn vom Kuchen des schönen Lebens endlich ein paar Brocken erreicht sind, stellt sich nicht Zufriedenheit ein, sondern neue Sehnsüchte entstehen. Es beginnt ein Wettrennen mit der Zeit, mit den Ressourcen und jeder gegen jeden und jeder gegen sich selbst: Die „Monsterinternationale der Endverbraucher“, wie uns Peter Sloterdijk genannt hat. Wenn Sehnsüchte ohne Hoffnung bleiben, sind sie selbst auferlegte Ketten. Die Konsumgüter werden so von hilfreichen Mitteln zur Erreichung des Zwecks des „guten Lebens“, zum Lebenszweck selbst. Und aus aktivem Kreieren wird passives Konsumieren. Die alles verzehrende Spirale des Verbrauchs und des Verzehrs der Güter und Menschen zerstört Hoffnung. Die einen sind unglücklich nicht in den Zustand des „Alles-Haben-Könnens“ zu kommen und die anderen, die ihn erreichen, sind auch nicht zu beneiden, denn es gibt „keine Erholung von diesem Glück“ (Wilhelm Schmid). Der Mensch des 21. Jahrhunderts droht endgültig auf das Rad des Ixion verbannt zu werden, jedoch nicht mehr als sinnreiche Allegorie, sondern als reale Lebensform.
So weit so gut. Es bleibt nur noch zu erwähnen: Wer heute den Kapitalismus kritisiert, irgendwen und irgendwas „wir“ und „sie“ nennt, soll bedenken, dass er nicht ein System kritisieren kann, als hätte es ein Eigenleben, gleichsam eines autonomen Willens. Es kann auch nicht von „einer“ Klasse gesprochen werden, die irgendeiner paranoiden Weltverschwörung gleich, eine Gruppe, meist älterer unermesslich reicher und bösartig allmächtiger Herren, meint. Vielmehr besteht zwar Systemlogik, nach Marx das „automatische Subjekt“, die einem inneren Ablauf zu folgen scheint und jeden einzelnen Teil ihrer selbst zu einer funktionierenden Vollzugseinheit des Ganzen macht. Jedoch stellt das automatische Subjekt keine selbstständige Wesenheit dar, die jeden Menschen gängeln kann oder der jeder Mensch naturgesetzartig folgen muss, sondern es bleibt stets eine Selbstunterwerfung der Einzelnen unter eine bestehende, aber vom Menschen als Schöpfer selbst geschaffene gesellschaftliche Realität. „Und deshalb sind die Individuen auch subjektiv verantwortlich für ihr Tun, der hässliche Manager und der schmutzige Politiker ebenso wie der rassistische Arbeitlose und die antisemitische allein erziehende Mutter“ (Robert Kurz).
Wer heute den Kapitalismus kritisiert, muss die Lebens-, Denkungs- und Handlungsart des einzelnen Menschen ebenso kritisieren; Somit sich selbst. Jedes freie Individuum kann seinen Individualismus ohne Individualität nur selbst kritisieren. Selbstaneignung, Selbstmächtigkeit und Selbstverantwortlichkeit als Voraussetzungen für Freiheit, Sinn und Hoffnung. So wird sich die Sozialdemokratie ans „Krankenbett des Individuums“ setzen müssen, nicht nur um die bestehenden Verhältnisse verändern zu können, sondern auch um damit dem „Projekt Menschheit“ den Träger des unbegrenzten Horizonts wieder zu geben.
Dieser Artikel ist erschienen in: "mitbestimmung" 02/03
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