
Laudatio von Michael Rosecker, gehalten für Karl Schlager, am 16. 10. 2008
Dorotheum Wiener Neustadt, geöffnet von: Mo-Fr, 9-18 Uhr
Sa, 9-17 Uhr.
Sehr geehrte Damen und Herren!
"Schein und Sein" heißt die heutige Ausstellung. Dazu ein paar Gedanken:
Wir leben in einer Zeit, in der eine Scheinwelt zerfällt. Ein Wirtschafts- system steht zur Disposition, weil viele Jahre der Illusion nachgehangen wurde, irreales Kapital bringe viel mehr Gewinn als reales Wirtschaften. Aus Wirtschaft wurde Casino. Eine zeitlang ging das für einige auch gut.
Nur irgendwann wurden die Blasen des Scheins zu hypertroph, zu aufgedunsen und zu irreal, um weiter Bestand haben zu können. Das realwirtschaftliche Gegengewicht, das Sein, wurde zu leicht für die Schwere des Scheins des ewigen Wachstums und des schnellen Gewinns.
Auch sind wir mit einer Sportart konfrontiert, in der der Leistungsdruck so hoch und die Erwartungshaltungen so groß sind, dass der Schein der großen fast übermenschlichen Leistung nur mittels illegaler Substanzen aufrecht erhalten werden kann. Aber auch diese Blasen des Scheins zerplatzen immer häufiger.
Auf der anderen Seite leben wir in einer Zeit in der nur vermeintlich harte Fakten und kühle Zahlen zählen. Jedem Argument wird nur getraut, wenn es mit Zahlen unterlegt und belegt wird. Statistiken, Tabellen und Studien sind die einzigen wirklich guten Gründe, die politisches, soziales oder wirtschaftliches Handeln legitimieren. Argumentieren sie mit Überzeugung und Gefühl, sie werden nicht ernst genommen.
Dass in solch einer rationalisierten an Zahlen orientierten Welt, die Sehnsucht nach dem Schein wächst, kann auch nicht weiter verwundern. Das zahlennüchterne Sein, verlangt nach dem trügerischen berauschenden Schein. Wie mit dem Tod eines bekannten Politikers in den letzten Tagen umgegangen wird, verdeutlicht diese große Sehnsucht nach tröstlichem monströsem Schein beängstigend eindrucksvoll.
Und dass in dieser doppelten Zangenbewegung, zwischen Scheinrationalität und Scheinsucht Menschen die Fähigkeit zum Unterscheiden zwischen Schein und Sein verlieren, darf uns nicht wundern. Und dies ist schlimm, denn ein wenig Schein brauchen wir alle, um der oft farblosen Wirklichkeit mit Phantasie und Begeisterung jene motivierende Aura gegeben zu können, die wir brauchen, um unserem Leben Sinn und Sendung geben zu können.
Aber wenn wir diesen sinnvollen Schein, der unser Sein verändert, nicht mehr unterscheiden können, vom betäubenden aufgedunsenen Schein, den wir besser als Betrug bezeichnen sollten, dann verlieren wir letztendlich den Zugang zu unserem eigenen Leben.
Für mich ist ein Medikament gegen diesen Verlust des Unterscheidenkönnens immer wieder Karl Schlagers Kunst.
Diese Unmittelbarkeit des Seins, die darin so vital ausgedrückt wird, diese Kraft auch die bitteren Seiten des menschlichen alltäglichen Lebens ausdrücken zu können, ist in der Welt des Zahlenfetischs auf der einen und der Welt der Seifenblasen auf der anderen Seite eine Wohltat. Eine Wohltat vor allem deswegen, weil gerade diese Unmittelbarkeit nicht deprimiert, sondern durch ihre Ehrlichkeit Kraft gibt, dem Leben jenen motivierenden Schein zu verleihen, der uns wieder auflädt mit jener Energie und Phantasie, die wir brauchen, der Wirklichkeit all das abzuringen, das wir brauchen, um ein gutes Leben führen zu können.
Darum danke und nicht vergessen: Ein Gemälde von Karl Schlager daheim haben, heißt eine Insel des Seins im Meer des Scheins zu haben, auf der man Kraft schöpfen kann für Phantasie und Begeisterung in einer an vermeintlich harten Fakten orientierten Welt. Ein legales Doping für die Bergwertung des Alltags.
Danke Karl, für deine Kunst und Ihnen danke für ihre Aufmerksamkeit.