
Das Mauthausen Komitee Wiener Neustadt lud am 18. April 2008 zu einer Gedenkfeier beim Denkmal für das KZ in der Serbenhalle. Die Festrede, im Folgenden veröffentlicht, hielt Michael Rosecker.
Sehr geehrte Damen und Herren!
Liebe Freunde!
Gerade recht zum Gedenkjahr 2008 hat die Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft eine Studie zum Thema Vergangenheitsbewältigung gemacht. Das ernüchternde Ergebnis: 60 Prozent aller Österreicher und Österreicherinnen wollen einen Schlussstrich ziehen unter die Aufarbeitung der Geschichte des Dritten Reichs. Der Prozentsatz blieb seit dem Jahr 2000, das Jahr der letzten Studie dieser Art, gleich hoch.
Erfreulich an der Studie ist jedoch, dass der Anteil derer, die keinen Schlussstrich ziehen wollen, um 6 Prozent auf 36 Prozent gestiegen ist.
Zwei Punkte sind dabei wichtig:
1) Vergangenheitsbewältigung wird noch immer automatisch mit dem Nationalsozialismus verbunden, und das 70 Jahre nach dem so genannten Anschluss.
2) Es sind keine weltanschaulichen oder politischen Ursachen, die den Wunsch nach dem Schlussstrich begründen und Menschen gegen die Vergangenheitsbewältigung sein lassen. Sondern es ist der Wunsch nach Ruhe, einfacher banaler Ruhe.
Das wiederum heißt:
1) Auch ohne historisches Bewusstsein und Wissen wird der Nationalsozialismus noch immer als UNSERE, als österreichische, als die relevante Vergangenheit empfunden.
2) Auch ohne historisches Wissen und Bewusstsein wird die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus als Unruhe empfunden.
Es ist ein Zeichen der Zeit, dass Menschen nur noch Ruhe haben wollen. Und werden sie in dieser gestört, reagieren sie mit Unverständnis bis Zorn auf die vermeintlichen Ruhestörer.
Dies scheint ja oft verständlich in den heutigen sozioökonomischen Verhältnissen. Viele sind überfordert im Alltag. Man muss um seinen Arbeitsplatz kämpfen, der berufliche und ökonomische Druck ist belastend. Immer mehr muss in immer weniger Zeit geleistet werden, das heißt dann Effizienz. Ruhe wird das Symbol für Regeneration, um den Leistungs- und Mithaltedruck aushalten zu können. Bei soviel Druck, wird eine neue Form der Konformität erzeugt. Gleichsam eine sanfte Konformität. Wer teilhaben will an den Freiheiten und am Wohlstand, der möge mitspielen und sich dem Druck aussetzen. Wer nicht mehr mit kann oder will fliegt halt hinaus und wird sich die Schuld dafür auch noch selbst zu zuschreiben haben: zu wenig belastbar, zu wenig motiviert, zu wenig zukunftsorientiert etc. etc. Das sind dann die üblichen Zensuren, die man mit auf den Weg ins Abseits erhält. Die Ruhe, ist dann kein Symbol mehr für Regeneration oder Ruhepause, sondern wird zur Grabesstille. Eine Grabesstille, die an ein neues Biedermeier erinnert. Fliehe den politischen Raum, fliehe die diskursive Auseinandersetzung, fliehe den Glauben etwas verändern zu können.
Jetzt werden sich viele fragen, was hat dies mit dem Nationalsozialismus zu tun, oder mit dem Gedenken an den österreichischen Widerstand, oder mit der Schlussstrich-Ideologie?
Meines Erachtens sehr viel: In einer Zeit, in der die Unruhe nur noch in der Freizeitindustrie geduldet wird und der Stress der Arbeit eben dort fortgesetzt wird, aber alle anderen Räume, in denen sich Öffentlichkeit und Demokratie, Diskurs und Beteiligung abspielen sollten, zu „Ruhe“Räumen werden, ist das Gedenken an die WiderstandkämpferInnen gegen den Nationalsozialismus, ist das Gedenken an den österreichischen Widerstand von großer Bedeutung.
Der Nationalsozialismus nannte sich Bewegung und kämpfte unter dem Banner „Für Ruhe und Ordnung“ zu sorgen. Seine Ordnung war erbarmungslos und seine Ruhe eine Totenstille.
Und dennoch gab es Menschen, die sich nicht zurückzogen und sich nicht in die heimelige Konformität flüchteten. Sie leisteten Widerstand, setzten ihr Freiheit, ihre Gesundheit und überhaupt ihr Leben aufs Spiel, um Ruhe und Ordnung zu stören. Sie sprachen und handelten ihren Überzeugungen folgend und hatten ein großes Opfer zu bringen. Rund 100.000 Österreicher und Österreicherinnen wurden aus politischen Gründen verhaftet. Rund 18.000 wurden in Gefängnissen und Kerkern getötet und 16.500 wurden in den Konzentrationslagern ermordet. All jenen „Unruhestiftern“ ist zu gedenken, gerade dann noch immer, wenn alle beginnen sich in die Ruhe des a-politischen privaten Raumes zu flüchten.
Liebe Freunde, der Strom des Erzählens darf nicht abreißen, denn er ist die Energiequelle des Erinnerns. Und wer in die Zukunft blicken will, der muss auch wissen, welchen Weg er hinter sich hat. Und wenn im Lärm der Zeit, die Ruhe zum größten Gut wird, sollen wir jenen gedenken, die den Mut hatten sich der Totenruhe zu widersetzen, um nicht an der unmenschlichen Ordnung zu ersticken.
Das heurige Gedenken sei dem Österreichischen Widerstand gewidmet. Und all jene, die keinen Schlussstrich ziehen wollen, die müssen auch Zeichen setzen.
Ich danke für eure Aufmerksamkeit.
Michael Rosecker
18. April 2008