Puma/Gerechtigkeit
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Pumageschichten
Der Puma und eine leise Ahnung von Gerechtigkeit

Gerechtigkeit

„Warum trinkt ihr so viel? Ihr seid zwei fesche und intelligente Burschen, ihr könntet an jeder Hand ein Mädel haben!“ Der bis dahin zurückhaltenden Bedienung im Studentenkultbeisl „Tunnel“ gingen die beiden als Studenten getarnten Säufer und Herumtreiber schon mächtig auf die Ringelsocken. „Wir, Gnädigste, wir haben an jedem Finger fünf Nymphen, zwischen den Fingern je eine Soubrette, auf den Knien tummeln sich ein paar Mutzerln und jetzt geben wir Fersengeld, denn wenn die Kellnerin moralisch wird, flüstert mir die Muse zu, die soeben meinen Kopf umschwirrt, es ist Zeit, die Anker zu lichten und nach Paris sich zu begeben.“Der Puma und sein Freund Morrison wieherten wie zwei entlaufene Noriker auf der steirischen Alm. Die Kellnerin kassierte, rief ihnen noch „Trottel“ und „letzte Chance“ nach, und wenn die beiden Illuminierten noch eine Tasse im Schrank gehabt hätten, wäre es ihnen eventuell möglich gewesen, ihre Tränen damit aufzufangen, deren Quell sie waren. Doch unsere beiden Alkoholisierten schlitterten schon die zugeschneite Florianigasse hinunter wie ein entfesselter „Rosebud“.

„Auf nach Paris“ jauchzte der Puma und platzierte präzise einen Schneeball auf Morrisons Denkerstirn.

„Riders on the storm“, brüllte dieser, „immer sachte mit den Pferden, die Badewannen sind geduldig.“ Das Götterlokal „Merkur“ war geschlossen, in dieser Silvesternacht 1983, also glitten unsere Schneemänner dem „Blauensteiner“ entgegen. Dieses war ein skurriles Lokal, ein Anachronismus im Stadtzentrum, ein Treffpunkt der Trankler, Outcasts, Hackler, Studenten, Künstler, Professoren und vieler Möchtegerns, eine echte Wiener Melange und Menagerie also. Zu einiger Berühmtheit war das Lokal als Stammwirtshaus des Dichtertitanen Heimito von Doderer gelangt und deshalb zog es magisch seine Epigonen und Doppelgänger, manche Hochstapler, Verwandlungskünstler und Illusionisten der Stadt an, also alle falschen und echten „Kratki Baschiks“ Wiens. Nicht zu vergessen die Trinker, die dachten sie seien Dichter, die Tarockierer, die trocken taktierten, und vor allem im Winter die städtischen Schneeschaufler.

Der „Blauensteiner“ hieß eigentlich Gasthaus „Zur Stadt Paris“. Auf dem Gehsteig vor der Lokaltür kniete im Schneesturm ein Bettler auf einem Pappkarton, blickte sie mit Augen wie ein Mops an und hielt den beiden Gerechten, die soeben ankamen, die hohle Hand unter die tropfenden Nasen.

„Der is guat!“, brüllte Morrison, „Bettler bettelt Schnorrer an.“ Mit einem kräftigen Tritt beförderte er den Bettler vom Gehsteig, als der Puma ihn zur Rede stellte, meinte er trocken: „Der König ist nur den Göttern Rechenschaft schuldig.“

Sie betraten den dampfenden Schankraum. An der Theke lehnte der obdachlose Dichter Schürrer, gehüllt in einen räudigen Pelzmantel, der sicher schon bessere Jahrhunderte gesehen hatte. Er hatte den Gehsteigvorfall durch das Fenster beobachtet und wies die neu eingetroffenen Promillezwillinge auf ihren Denkfehler und ihr Handlungsdefizit hin, dass der König aber auch für die Armen und Wehrlosen verantwortlich sei.

„Werma seg’n“, brummte Morrison und widmete sich seinem Glühbier, einer Wiener Spezialität. Man bestellt ein kaltes Bier und hängt dann einen Heizstab hinein. Kam dann das Speiben nicht rasch genug, konnte man ja noch mit einigen Uralt-Likören nachhelfen.

„Würden die Herren mir behilflich sein, meine morschen Knochen auf einen der Sitze zu transferieren?“, bat Schürrer und sie folgten ihm brav ins Extrazimmer.

„A Tisch is frei, da Rest is reserviert fia de Gemeinde“, der charmante Kellner Attila war ihnen gefolgt, „außadem zoits east eicha Zech von da Schaunk draußn.“„I hob da do eh an Tausnda geb’m“, log der Puma.„Du host in dein Leb’m no nia an Tausnda g’segn und tarast a ned amoi an kenna, waun i da an zagat, oba i zag da eh kan.“Man sah also: Die ausgewogene, gastronomische Kommunikation zwischen Personal und Stammgästen schnurrte reibungslos und alle waren prächtigst gelaunt.Der Dichter Schürrer erzählte unseren Freunden eine Geschichte: „Es war einmal ein Mann, ein begnadeter und berühmter Schriftsteller und hier in diesem Gasthaus Stammgast. Er trank nur Rotwein, erst zuhause ab ein Uhr nachts vertrieb er seine Dämonen mit Schnaps. Er saß täglich mit einer Stammtischrunde beisammen. An einem brütend heißen Sommerabend engagierten die Wirtsleute, um den Umsatz anzukurbeln und einen Teil der Gäste, die in die Heurigen in die kühleren Vororte flüchten wollten anzulocken, einen Illusionsabend mit einem Hobbyzauberer. Der Abend war ein Erfolg, die zahlreichen zufriedenen Gäste schon gegangen, nur mehr die Stammtischrunde und die Wirtsleute waren noch auf einen letzten Umtrunk versammelt, als mit einem aufziehenden Gewitter und dem ersten Donnerschlag die Tür sich öffnete und ein seltsamer und geheimnisvoller Mann eintrat. Er war von unbestimmbarem Alter, setzte sich an einen Nebentisch, trank und aß und hörte der Runde zu, die den verflossenen Abend und die Zauberkunststücke des Hobbyillusionisten

besprachen. Da die Wirtin die Aufmerksamkeit des Fremden bemerkte, bat sie ihn, sich zu ihnen zu setzen, der nahm sich kein Blatt vor den Mund und bezeichnete die Darbietungen des Zauberers als amateurhaft. Ob er es denn besser könne, schade dass die Gerätschaften nicht mehr da seien, denn

dann könne er gleich beweisen, dass er kein Schaumschläger sei. Der Fremde bemerkte stoisch, zu wahrer Kunst benötige man nicht viel, und bat nur um ein altes Kartenspiel und eine Handvoll Nägel. Er forderte die Wirtsleute auf, sich eine Karte zu merken, und warf beim nächsten Donnerschlag die Karten und die Nägel an die Wand. Alles fiel kunterbunt durcheinander zu Boden und als die aufgeregte Stammtischrunde wieder zur Ruhe fand, war der Fremde verschwunden. Nur an der Wand stak ein großer Nagel und die von der Wirtin ausgesuchte Pik Zehn grinste sie scheinbar höhnisch an. Der echte Kratki Baschik war hier gewesen, einer der größten Zauberer seiner Zeit.“Inzwischen hatte sich Peter Matejka zu ihnen gesellt. Schürrer fasste Morrison scharf in sein Visier und spuckte aus.„Ich missbillige dein Verhalten von vorhin. Ein Bettler ist kein Gegner, auch wenn er im Weg kniet, oder bist du ein Anarchist, dann hast du etwas falsch verstanden. Ihr stellt euch den Anarchisten wohl so vor: In jeder Tasche eine Bombe angefüllt mit Dynamit, den Mordstahl in der einen, die Brandfackel in der anderen Hand, einen Menschen, der halb Narr, halb Verbrecher, nichts weiteres im Sinn hat als die Ermordung eines jeden, der nicht seiner Meinung ist, und dessen Ziel der allgemeine Wirrwarr, das Chaos ist, sowie bei Johann Most. Du hast ähnlich primitive Vorstellungen und Vorurteile. Die Wirklichkeit aber sieht so aus, dass die Anarchisten gegen Politgangster vorgehen – die winzige Minorität der Antiautoritären und Anarchisten, unter denen wir keine Hörigen finden, die alles Mögliche versuchen, die moderne politische und ökonomische Leibeigenschaft abzuschaffen – also Menschen, die den Zustand dieser Welt einsehen können und den Status quo als kriminell erkannten.“Schürrer trank sein Bier in einem Zug, spuckte aus und winkte Attila herbei: „Noch eine Runde Glühbier, aufschreiben auf die Tafel.“
Brav gehorchte
der Kellner, Peter Matejka wand sich vor Lachen: „Schürrer, der Tugendwächter! Jungs, ich erzähle euch was über ihn. Bei einer Vernissage 1971, in der Galerie Grünangergasse hatte der berühmte Mensch Hermann Nitsch eine Vernissage. Oben hingen die bekannten Nitsch-Fotos, im Keller aber waren die schöneren Sachen aufgehängt, Relikte von diversen Materialaktionen.

Sehr viele prominente Leute standen überall herum, ein wüstes Sprachengewirr von Wienerisch, Amerikanisch und Französisch war zu hören. Neben einigen ausgehängten Damenbinden sahen Trummer und ich die imposante Hinterseite des berühmten Filmers Peter Kubelka, nach André Heller ‚in New York ein Gott‘. Kubelka hatte eine schwarze Riesenhose und eine schwarze Riesenweste an und sprach mit einigen Amerikanern amerikanisch. Der Galerieleiter Kurt Kalb wetzte hin und her. Lui Dimanche schnallte sich gedankenverloren und ein wenig alkoholisiert ein Weinglas vor den Bauch. Der Wein war nicht gut. Trummer nannte ihn ‚Heckenklescher‘. Die blutbesudelten Messgewänder wurden von kompetenten Leuten angeschaut und heftig diskutiert. Joe Berger stellte schon wieder den ersten ‚Zagl‘ des Abends zusammen. Oben ersuchten zwei junge Leute den Hanser-Autor Hermann Schürrer, er möge doch ein wenig leiser sprechen, sie wollten sich die Fotos in Ruhe ansehen. Hermann brüllte: ‚Wer da herinnen ein Trottel ist, das bestimme ich und deshalb werdet ihr jetzt die Goschen halten!‘ Die Studenten schwiegen. Anschließend ging Schürrer zum bekannten Maler Arnulf Rainer, der sein Haupt kahlgeschoren trug und vom Fotografieren am Wiener Westbahnhof kam und eine Jacke aus dem Stoff anhatte, wie er in Heil- und Pflegeanstalten benutzt wird. Schürrer fasste den kleinen Arnulf an der Schulter, beutelte ihn hin und her und sagte ein paar Mal zu ihm: ‚Du kleiner Idiot.‘ Arnulf Rainer entgegnete nichts. Schürrer ging auf die Straße, öffnete die Hosentür und urinierte, wobei ihm die Maler Attersee und Aratym zuschauten.“„Tugendwächter“ Schürrer pfauchte verächtlich, „alles muss gut sein, nicht nur für die Gruppe, auch für den Einzelnen. Wir werden verbindlich verhandeln und eine Bande bilden. Willkommen Bande!“, brüllte er den eintreffenden Schneeschauflern zu.Jetzt war in Wien auf einmal viel Schnee gefallen. Dies war jedes Jahr eine besonders große Überraschung und man wurde der weißen Pracht nur Herr, indem man Hilfskräfte einstellte, die mit Schaufeln bewehrt der bösen Natur zu Leibe rückten. Zu einem unsäglichen Jammerlohn und einer mitternächtlichen oder mittäglichen kleinen Jause und einem Getränk.Der Puma setzte sich an einen Tisch mit den Arbeitern zusammen und lud sie auf eine Runde Glühbier ein.„Ich möchte einer von euch werden, ich möchte ein Gerechter, ein Tugendhafter, ein Bandenmitglied sein.“„Bist du deppat, dea is’ zua“, sagte einer der Schneetiger und rückte etwas weg.Ein anderer sagte zum Puma: „Erklär mir deine Gerechtigkeit, dann kriegst du meine Schaufel, beschreibe deine Tugend und du bekommst mein Gewand, setzte mir auseinander was Altruismus ist und du bist Bandenmitglied.“Der Puma trank vom Bier und lallte: „Gerecht ist, dass es schneit, es schneit nämlich für oder gegen alle.“„Ui, der is’ d’rauf“, die Herren Schaufler nickten bedächtig.„Gott ist gerecht!“, sagte ein muslimischer Schneebeseitiger. „Der Prophet Mohammed sitzt in einer einsamen Gegend auf einem Hügel. Am Fuße des Hügels befindet sich eine Quelle. Ein Reiter kommt. Während der Reiter sein Pferd tränkt, fällt ihm ein Geldbeutel aus dem Sattel. Der Reiter entfernt sich, ohne den Verlust des Geldbeutels zu bemerken. Ein zweiter Reiter kommt, findet den Geldbeutel und reitet damit davon. Ein dritter Reiter kommt und tränkt sein Pferd an der Quelle. Der erste Reiter hat inzwischen den Verlust des Geldbeutels bemerkt und kehrt zurück. Er glaubt, der dritte Reiter habe ihm das Geld gestohlen, es kommt zum Streit. Der erste Reiter tötet den dritten Reiter, stutzt wie er keinen Geldbeutel findet und macht sich aus dem Staube. Der Prophet auf dem Hügel ist verzweifelt. ‚Allah!‘, ruft er aus, ‚die Welt ist ungerecht! Ein Dieb kommt ungestraft davon, und ein Unschuldiger wird erschlagen!‘ Allah, sonst schweigend antwortet: ‚Du Narr! Was verstehst du von meiner Gerechtigkeit! Der erste Reiter hatte das Geld, das er verlor, dem Vater des zweiten Reiters gestohlen. Der zweite Reiter nahm zu sich, was ihm schon gehörte. Der dritte Reiter hatte die Frau des ersten Reiters vergewaltigt. Der erste Reiter, indem er den dritten Reiter erschlug, rächte seine Frau.‘ Dann schweigt Allah wieder. Der Prophet, nachdem er die Stimme Allahs vernommen hat, lobt dessen Gerechtigkeit – so erzählte es Scheherazade in Tausendundeiner Nacht.“

Der Puma konnte nicht mehr reden, er glühte vom Bier, er glühte von der Hitze im überheizten Raum. Wortlos nahm er sich eine Uniform vom Haken und eine angelehnte Schaufel von der Wand, torkelte beim Seitenausgang aus dem „Blauensteiner“ hinaus in die wirbelnde Winternacht. Es war Mitternacht. Am Stock-im-Eisen-Platz schossen sich die Wahnsinnigen gerade die Raketen um die Ohren. Das Land tanzte selig Donauwalzer und unser Gerechtigkeitsfanatiker zog mit seiner Schaufel eine schmale Spur der Ordnung durch den riesigen weißen Teppich. Ein wahrlich altruistisches Vergnügen, von dem nach einigen Minuten niemand mehr Notiz nehmen konnte. Ein vergeblicher Versuch, ein wenig Ordnung in seine verrückte Welt zu bringen.

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