Puma/Freiheit
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Pumageschichten
Die Verschickung und Befreiung des Pumas. Von Max Huber

Freiheitscover

„Der Mensch ist zur Freiheit

verurteilt, ja verdammt. Er

muss sich selbst entwerfen

und steht für all sein Tun und

Lassen gegenüber der Gesamt-

heit in Verantwortung.“

Jean-Paul Sartre

                 

 

„Das Ungesagte ist ein schwarzes Loch. Die Dinge existieren nur, wenn man sie beschreibt“, sagt ein alter Freund des Pumas, der elsässische Poet Conrad Winter.

Und deshalb spricht der Puma jetzt:

Der Propst Servus, herabgestiegen von dem mächtigen Stift Göttweig, seines Zeichens auch Pfarrer von Oberwölbling, auf dem das Stift wie die Trud saß, war heute wieder besonders guter Laune.

Schlachttag war. Servus hatte schon sieben prächtige deutsche Reichshühner guillotiniert, stolz wie ein Hühnerhabicht, als ihm sein heldenhafter aber nervenschwacher Assistent Puma per Ohnmacht den weiteren Hilfsdienst verweigerte. Das achte Reichshendl war noch eine Weile kopflos herumgeflattert, ehe es den Puma letztmalig aber umso herzhafter anblutete.

Dies war etwas zu streng für einen Fünfjährigen, der auch keine Fluchtmöglichkeit aus dem hermetisch geschlossenen Benediktiner Schlachtschuppen fand. Als das Kind wieder zu sich kam, stand der Propst auf dem Schlachtbock und krähte: „Ich bin der Herr der Hühner – kiiikerikiiiiiiii“.

 

Oberwölbling duckt sich an den Hang des Dunkelsteinerwaldes, als wollte es sich vor den mächtigen Göttweiger Mönchen verstecken. Das Stift hat etwas Magnetisches, ja Zwanghaftes an sich. Bei der Gründung zwang man sich schon auf den alten Kultberg der Kelten, den „Chotvich“, und so hatte man die Bevölkerung zum ersten Mal „katholisch gemacht“ und es sollten noch viele Male folgen. Das war der Lieblingsspruch des Propst Servus: „Mir werns schon katholisch mochn“ und so nahm er sich den Puma vor.

Der Puma war vom Bauern Hasenfranz, der an ihm kein standesamtliches oder fürsorgliches Interesse zeigte, in Pflege gegeben worden. Das hatte zur Folge, dass der Puma nicht wachsen wollte, er blieb klein wie ein Füchslein, er war nicht nur klein sondern winzig, so winzig, dass seine Füße nicht nur den Boden nicht berührten, wenn er auf einem Stühlchen saß und seine Knie nicht einmal bis zur Kante des Stuhles reichten und die Beine gerade vorstanden wie bei einer Puppe. Es sah aus, als sei er ohne Gelenke geboren. Der Puma war so klein, dass es den Erwachsenen Spaß machte, ihn hochzuheben. Es war wie ein Wunder. Wie leicht er doch war. Sie nannten ihn „Püppchen“ und auch die Mädchen hatten viel Freude mit ihm und wollten sehen, ob alles an ihm so winzig war. Der Propst verstand da aber keinen Spaß. Für ihn war jede Abweichung von der Norm eine Strafe für die Sünden. Der Puma tauchte ab. Servus sperrte ihn in die Propstei ein. Diese hatte auch schon bessere Zeiten gesehen, uralt und verkommen wie der Propst himself.

Denn am Anfang war das Wort und das Wort ward Fleisch – sprich Heiden – geworden und die wurden fesch missioniert, sprichwörtlich „katholisch gemacht“. Dann waren alle schön katholisch oder taten brav so, später protestierten der Luther, der Hus, der Calvin, der Zwingli und so; die Verwirrung war groß. Und dann wurden wieder alle katholisch gemacht. Mit Mord und Brandschatzung und immer, immer bekamen die kleinen Leute eine aufs Dach und ihr Fett ab. Und bezahlten die Zeche. Und fraßen die Krott. Und immer waren es die Pfaffen und die Pröpste, die sich das Raubgut aneigneten. Doch der Göttweiger Propstei ging es wirklich mies. Dem Servus seine Glocken läuteten nur mehr zu den Marienfeiertagen oder am „Tag der armen Kinder“ und da nur mehr sehr leise. „Teufel – friss Pfaffen und scheiß Landsknecht“, wie der alte Freund Christoph Martin Wieland zu sagen pflegte.

 

Propst Servus nahm sich also des Puma an und tat sein Bestes, um ihm Schlechtes anzutun. Die Propstei lag zwar in ihren vorletzten Zügen, doch Arbeit gab es genug, Arbeit gibt’s immer genug, nur Arbeitsplätze seltsamerweise nicht. Und so ein kleines, einsames Helferlein wie der Puma war da hochwillkommen. „Gelobt sei ER, der Herr“, wie Servus treffend zu bemerken pflegte. Dann murmelte er wieder: „Mir werns schon no katholisch mochn.“.

Doch die Schäflein waren schon lange weg von der Herde, nur die Hirten wollten es nicht so richtig wahr haben, in alle Winde zerstreut war das Kirchenvolk, umso mehr Arbeit blieb dem kleinen Puma.

 

Die Fürsorge hatte dem Puma eine neue Familie verschafft, die sich aber als eine alleinstehende Frau herausstellte, was ihm sehr gefiel. Er war gern der Herr im Haus und bald gockelte er nur mehr mit stolzgeschwelltem Kamm herum. Sein Vater, der Jungbauer Hasenfranz, verantwortungs- und frauenlos sowie vorbestraft, und seine Mutter, die ihre Männer-Wunden mit Schnaps kühlte, waren von der Erziehungsbehörde auf einem Nebengeleise geparkt worden. Der Puma war im Paradies gelandet, er war der Mittelpunkt, er lernte lesen und saure Milch trinken, er verbrachte ganze Nachmittage auf einer quietschenden Hollywoodschaukel oder drosch tagelang einen Ball gegen die Hausmauer. Wenn etwas von ihm gefordert wurde, hielt er die Luft an und schon stoben die Wünsche der Erwachsenen in alle Winde.

Da beschloss der Hasenfranz eine andere Rikki zu heiraten und tat dies zu allem Überfluss im schönen Göttweig. Im fernen St. Kruzifix tagte das Fürsorgegericht und eines Tages saß der Puma auf der Rückbank eines VW-Käfers und starrte durch das Rückfenster tränenumflort in die Freiheit.

Doch das ist eine andere Pumageschichte.

 

In Erinnerung an Friederike Fritscher.

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