„Gleichheit“, schrie der Rudel oder wie Pumas Großmutter und die Gräfin um die Patenschaft für das neue Feuerwehrauto ritterten

„Der Most macht uns alle gleich“, lallte Pfarrer Adriel und prostete Hasenfranz senior zu. Es war ein früher Maiennachmittag, der Puma raste gerade zur Bauernhoftür herein, um seinen in der Au erlaufenen Hunger und Durst zu stillen. Großmutter Hasenfranz stand in der Küche und dirigierte die Mägde, die für den großen Tag die Mahlzeiten vorbereiteten. Es wurde gebraten, gesotten, gekocht und gebacken, dass die Töpfe und Pfannen glühten und das Haus von himmlischen und irritierenden Gerüchen erfüllt war.Am Floriani-Sonntag sollten nicht nur die neue Pielachbrücke, sondern auch das neue Feuerwehrauto eingeweiht werden und die Großmutter war Patin und Gastgeber der Honoratioren, die ihren hohen Besuch im kleinen Stumm angesagt hatten. Bürgermeister Hasenfranz, gleichzeitig Feuerwehrkommandant und Pfarrer Adriel besprachen die bevorstehende Weihe, dass hieß, sie soffen sich mit dem guten und starken Most, des Hasenfranz´schen Kellers an, das es in der Hose nur so ploderte.Der Pfarrer Adriel war mit einem Problem zum Hasenfranz gekommen. Die Feuerwehrversammlung und der Gemeinderat hatten einstimmig beschlossen, Großmutter Hasenfranz zur Patin des neuen Feuerwehrautos zu bestellen, dies war mit einer saftigen Geldspende aus der Privatschatulle Hasenfranz und der Errichtung eines Gratisdachstuhls für das neue Feuerwehrhaus verbunden. Doch gab es im Dorf noch eine andere „Grande Dame“, nämlich die Gräfin, auf die man aus unerfindlichen Gründen vergessen hatte und die sich nun über Pfarrer Adriel in die Patenschaft hineinreklamierte. „Du muaßt die Gräfin als zweite Patin akzeptieren“, insistierte der Pfarrer zum hundertsten Male und trank seinen zehnten Krug Birnenmost, „sie hat mir sonst angedroht, die Familiengruft vom Friedhof in ihr Schloss abzusiedeln und du weißt, was das bedeutet, keine Gruft, kein Geld, keine Touristen, mein Untergang!“ Der Bürgermeister blieb hart, seine Birne war auch nach dem zehnten Glas noch nicht weich: „De soi se brausen gehen, de Frau Gräfin, i kaun ihr gern dafüa mein Most zur Verfügung stön, was hat die Gnädigste denn getan für die Gemeinde in den letzten Jahrzehnten? Des san jo Hungaleida in Woaheit. Schau da des Schloss aun, des hoit jo nua mehr da Schimmel und da Rost zaum!“ Die elfte Runde Most wurde eingeschenkt. Der Pfarrer und der Bürgermeister bliesen ihren Trübsal in die Gläser.Nun war es aber so, dass die liebe Frau Gräfin bei ihrem Jagdfreund, dem Herrn Verteidigungsminister, der als Ehrengast zur Weihe kommen sollte, aber unbeweibt war und dessen nicht vorhandene Gattin als Patin in der Rangliste ausfiel, interveniert hatte und der den Druck wieder auf seinen Cousin dritten Grades, eben den Pfarrer Adriel weiterreichte und dieser nun mit dem armen Bürgermeister Most trinken musste. Mittlerweile hatte der Puma seinen Hunger und Durst gestillt und war zu neuen Ufern, sprich dem Gasthaus „Brecht“ aufgebrochen. Dort warteten seine besten Freunde, Odysseus und sein Onkel Rudel.
Als er die Gasthaustüre öffnete, schlug ihm ein unbeschreiblicher Geruch entgegen. Der Boden war mit Öl eingelassen und darauf waren Sägespäne gestreut, auf denen sich große Bierlachen, Zigarren- und Zigarettenstummel und sonstige Abfälle sammelten, die eben von den Trinkern, die sich nur auf ihre Abfüllung konzentrieren konnten, abfielen.
Das „Brecht“ war das Domizil für die „Gleichen“ und deren gab es in der Stummer Bevölkerung viele, sie waren sozusagen die Meisten, also fast alle, denn sonst gab es nur einige wenige Gleichere, die man auf seinen Händen abzählen konnte, wenn man ein Einarmiger war. Es gab eigentlich nur fünf Gleichere, den Bürgermeister, den Grafen, zwei Bauern und den Pfarrer, aber selbst der war arm wie eine Kirchenmaus, aber ein begnadeter Schnorrer, dem auch gegeben wurde, wenn er im Namen des HERRN verlangte. Die Gleichen konnten fordern was sie wollten, denen wurde nichts gegeben. Deshalb hielten sie sich gerne im „Brecht“ auf, denn dort war der Fusel billig, der Katzenjammer groß und die Sperrstunde biegsam.„Honey“, sangen Odysseus und Bobby Goldsboro als sie des Puma ansichtig wurden. Der Rudel und Odysseus wuzelten als hinge ihr Leben davon ab. Odysseus rechter Verteidiger schoss dem Rudel ein Tor, dass es von den Gläsern im Regal widerhallte.
„Gleichheit“ sang Odysseus und führte mit dem Puma einen Freudentanz auf.„Das heißt Unentschieden oder Remis, du Dolm“, lästerte Rudel und gab eine Runde Rotwein aus. Er war da sehr sensibel in der Wortwahl, denn er war ein in der Wolle gefärbter und im Rotwein getränkter Sozialist.Rudel leerte sein Glas in einem Zug und hub zu einem seiner gefürchteten pseudophilosophischen Diskurse an: „Es darf niemanden gleichgültig sein, wenn das Gleichgewicht der Glattheit, durch eine ungleichmäßige Vergleichung gestört wird, gleichwohl ein Gleichnis den ursprünglichen Zustand wiederherstellen könnte.“
„I heard it through the grapevine“, sang Marvin Gaye in der Jukebox und Odysseus zwinkerte dem Puma zu. Die Burschen hingen weiter am Weinstock und hörten der sie umbrodelnden Gerüchteküche zu und taxierten die Kontaktbörse des „Brecht“. Keine Anonymen Alkoholiker, nur bekannte Tippelbrüder und Betschwestern. Im Handumdrehen hatten sie sich drei tolle Tanten angelacht, die ihnen in nächster Zukunft die Vergangenheit nachsagen konnten und stante pede mit ihnen den Pielachstrand aufsuchen sollten, um dort alsbald dicht, direkt und unmittelbar den Versuch starteten, stehenden Fußes Körpersäfte und Geheimbotschaften auszutauschen.
Der Puma schreckte auf, er war kurz eingenickt, Odysseus und Rudel waren verschwunden, so machte er sich wirklich auf die Socken und suchte sein Lieblingsplätzchen an der Pielach auf.Der Fluss gurgelte sanft im Maienabend an ihm vorbei, er kaute am Fieberklee um die Wirkung der Magenrötung zu mildern, die Eintagsfliegen führten ihm ihren Hochzeitstanz vor und er dachte an den Prager Frühling und die Pariser Aufstände ohne zu ahnen, dass deren Lebensdauer nicht viel der Eintagsfliegen überdauern sollte. Und er dachte an seine geliebte Frau Robinson, die ihm immer wieder von den beiden New Yorker Popbarden, in Erinnerung gerufen wurde. Um nicht endgültig in Schwermut zu versinken, machte er sich auf den Heimweg. Im Bauernhof traf er auf das entfesselte Mostduo, das von seiner Großmutter nur mehr mit Mühe gebändigt werden konnte.
In der Zwischenzeit hatte eine hektische Telefonkonferenz das Mosttrinken der beiden Herren unterbrochen, der Pfarrer telefonierte mit der Gräfin, der Bürgermeister mit dem Verteidigungsminister und schließlich war man sich handelseins. Der Hasenfranz bekam von der Gräfin einen Acker im Überschwemmungsgebiet verpachtet, das Verteidigungsministerium eine große Holzlieferung, der Minister privat, als Vermittlungsgebühr, Most auf Lebenszeit, der Pfarrer behielt sein Mausoleum und der Form halber fragte man noch die Großmutter und die sagte müde und resigniert: „Mir is des gleich, heit und a morgen!“