Verletzt wurde niemand
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Verletzt wurde niemand!
Von Maximilian Huber

Österinseln

erschienen in "Verletzt wurde niemand. Pumageschichten aus dem Dunkelsteinerwald - Ein Erziehungsbuch" von Maximilian Huber:

Der Puma erblickt das Licht der Welt oder »Zum Altare will ich treten«

 

Fett und dreist erschien Bürgermeister Hasenfranz senior auf der Schwelle des Gasthauses Zum lachenden Mönch. Er war gut gelaunt und hatte vor sich zu betrinken. Freitag abends traf sich das Dorf beim Lebert Wirten und sprach den verschiedensten Alkoholika lebhaft zu.

Sonst sprachen sie eher wenig. Erst wenn ihre Zungen von unzähligen Bieren, Weinen und Schnäpsen gelöst waren, entkamen ihren Mündern wortähnliche Gebilde, die man aber noch nicht unbedingt Sätze nennen mochte und deren Inhalt auf Sinnhaftigkeit zu überprüfen, war ein schier hoffnungsloses Unterfangen.

Der Ort heißt Stumm und liegt im Dunkelsteinerwald. Stumm schmiegt sich an den Südrand des Waldes, ehemals beschützt und ausgebeutet von zwei Burgen, jetzt Ruinen und so wie es im Dunkelsteinerwald einige Stumms gibt, sind deren viele in Österreich zu finden, ja man kann sogar sagen, dass der junge Staatskörper Österreich richtiggehend infiziert ist mit Stumms, wie mit Röteln oder besser mit Schwarzeln, denn die meisten dieser kleinen kranken und schweigsamen Orte waren schwarz – tiefschwarz wie krankes Blut.

»Zum Altare will ich treten«, tönte Hasenfranz senior.

Dies war das Signal für den Wirten. Der Bürgermeister gab dem Stammtisch eine Runde Bier aus.

»Reds weiter es Nichtsnutz“, Hasenfranz war heute sehr launig, da gab es beim Eingang  einen neuen Radau. Das Dorffaktotum Rudl, arbeitsloser Maurer, torkelte herein, an seinem Arm hing seine sichtlich schwangere Halbschwester, die schöne Ungarn-Rikki.

»Da Russ kummt«, schrie Rudl und setzte sich mit Rikki an den Stammtisch.

Rikki war nicht nur schwanger, sie war sogar sehr schwanger, sie war so schwanger, dass den anwesenden Männern sichtlich unwohl zumute war und sie ihre Biergläser leiser auf den Tisch setzten, als könnte eine laute Berührung zum jederzeitigen Gebären der hübschen Mittrinkerin führen.

»Da Russ is in Ungarn und durt bleibt a, sunst warata schon längst do«, schlussfolgerte Wirt Lebert.

Jetzt muß man wissen, dass es in Ungarn einen Volksaufstand gegeben hatte, der vor fünf Tagen mit dem Einmarsch der russischen Truppen beantwortet wurde, jene Truppen, die den jungen Österreichkörper erst vor einem Jahr verlassen hatten, dementsprechend entspannt war die Stammtischrunde.

»Und wauns do kumman«, flüsterte Tante Gretel furchtsam.

»Whatever will be, will be«, sang der Dorftrottel Odysseus.

Odysseus war eines Tages in Stumm aufgetaucht. Keiner wusste woher er kam, die üblichen Verdächtigungen machten die Runde, von einem Zirkus verloren, aus einem Schiff gefallen, von Zigeunern vergessen. Er arbeitete nichts, lebte von Almosen und die Stummer verwendeten ihn als Aufpasser und Hüter, da es im Dorf aber nicht viel zu hütendes Vieh gab, hütete er Güter, er war nämlich ehrlich und hatte einen unschätzbaren Vorteil, er redete nichts, sondern sang nur und das war für die Stummer derart schräg, dass sie wussten, solange Odysseus sang war alles in Ordnung, den erst bei Gefahr versagte ihm die Stimme.

Hasenfranz senior saß neben der Rikki, die ihn mit großen Augen anschaute.

»Red mi ned au«, rüpelte der Bürgermeister sie an, »i waß ned wora is«.

»Please, please, please«, orgelte Odysseus

»Oba I was, wora is und waun a kummt, isa hin«, plärrte Rudel.

Er war stolz auf seine Schwester. Immerhin hatte sie es geschafft dem Hasenfranz junior nun schon zum zweiten Mal den Samen für ein Bankert herauszulocken, obwohl sich der Senior standhaft weigerte, die beiden heiraten zu lassen.

»Der Trottl is wida mit seina Maschin´weg«, polterte Hasenfranz senior.

»Let the good times roll«, sang Odysseus.

»Hoit dei Pappn«, war Bürgermeisters Antwort.

Rikki ging aufs Klo, da sie vermeinte eine Regung zu verspüren. Im Saal, der zwischen Schankzimmer und Häusl lag, kam sie an einem großen Wandgemälde vorbei. Es zeigt den Grafen Montecuccoli, wie er 1664 vor dem Kaiser Ferdinand  III. kniete und für die besiegten Türken, die Dunkelsteiner Ländereien als Lehen entgegennahm. Seit damals waren auch die Hasenfranz´ bei  den Grafen als Vogtbauern, was sie bis heute regelmäßig um den Verstand bringt. Man nahm und nimmt sich, was man wollte. Und so nahm der Hasenfranz junior sich die Rikki. Im Jahresabstand scheinbar, purzelten die Bastardchen aus ihrem Schoß und jetzt war schon wieder eines fast fertig in der Backstube.

Als die Welt noch ihr Geheimnis hatte – es war ein ganz und gar nicht lauer Abend, es war fürchterlich kalt. Das Pielachtal war wieder, wie jeden Frühling, von der Pielach fein säuberlich überschwemmt worden.  Rikki schleppte beladen wie Ochs und Esel, weil sie damals zur Gänze der Familie der Hasenfranz gehörte, als Magd, als Leibeigene sozusagen, sie schleppte also die übervollen Samensäcke, ächzend und stöhnend, die enge, von den Hendln vollgeschissene Stiege zum Getreideboden hinauf. Und immer einen Schritt hinter der jungen Rikki, der geile Bauer Hasenfranz der Jüngere, um einen Blick auf ihr Waldviertelchen zu erhaschen, den er sowieso hätte haben können, wenn er einfach nur gefragt hätte, doch Fragen war in Stumm nicht so gefragt, oft löste eine Watschen oder eine Hirndetschn das Problem zur Gänze, so einfach war das Landleben. Die alten Vogtbauern und ihre Abkömmlinge, darunter der Lümmelbauer Hasenfranz wollten gebeten werden. Die Bitten der Herrschaft verstanden sie schließlich auch – Peitsche und Liebes- sprich Lehens- oder Arbeitsentzug genügten.

Die Regung, die Rikki zum Klogang bewegte, stellte sich als formidable Wehe heraus. Sie ging in den jetzt schon dunklen Saal zurück und legte sich auf den Billardtisch. Am anderen Ende stand Odysseus und bediente den Wurlitzer 1015.

»Das Bäste für die Gäste«, pflegte Lebert zu sagen.

»Ruby Baby«, sang Odysseus mit der Jukebox um die Wette.

»Zum Altare will ich treten«, hörte man den Bürgermeister von draußen.

 

Eine neue Runde Bier, diesmal schon mit einem Schnapsglas als Begleiter für die so einsamen Biere, ward geordert. Jetzt waren die Stummer wie viele andere Österreicher einem fatalen Missverständnis aufgesessen, sie verwechselten Trinken mit Geselligkeit, sie verwechselten Lallen und Rülpsen mit Reden und sie verwechselten Spott und Hohn mit Zuneigung. Die Stammtischrunde kam schön langsam in Fahrt. Auf Rikkis Platz saß nun der Schlossermeister Votruba.

»Warum hüft den Ungarn niemand«, fragte Votruba

»Wer taratn uns leicht höfn, ha«, rülpste der Bürgermeister.

»Rip it up«, hörte man von draußen im Duett Little Richard und Odysseus. (...)

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