von Heleno Sana

erschienen in "Solidarität" herausgegeben von Michael Rosecker und Bernhard Müller:
Widerstand und Selbstverwirklichung - Mensch sein in einer unmenschlichen Welt
Die Herrschaft des Nur-Ich Im Gegensatz zu anderen geschichtlichen Perioden, in denen die Kategorie des Gemeinsamen im Mittelpunkt des persönlichen und gesellschaftlichen Seins stand, besteht heute das Durchschnittsverhalten des Einzelnen auf der unbedingten Durchsetzung der eigenen Interessen, während die zwischenmenschlichen Beziehungen zum unverbindlichen Nebeneinander oder offenem Gegeneinander entarten. Räumlich leben die Menschen heute zusammengedrängter als je zuvor, aber aus dieser physischen Nähe entsteht mehr Abneigung als Zuneigung, mehr Rivalität und Aggressivität als Verständigungswille und Hilfsbereitschaft. Je härter und erbarmungsloser der "Struggle for Life" wird, desto hemmungsloser verbreitet sich das, was Max Horkheimer einmal den "unendlichen Imperialismus des Menschen" nannte ( 1 ). Entsprechend sind gegenseitige Entfremdung und Kommunikationslosigkeit die dominierenden Züge unserer Zeit geworden. Es fehlt die religio in ihrem ursprünglichen Sinn, als freiwillige Bindung zu den anderen. Die wahre "Irreligiosität" ist heute nicht mehr der von Nietzsche verkündete Tod Gottes, sondern der Tod der gemeinsamen Banden zwischen den Menschen. Es war aber gerade diese religio, die dem Proletariat der klassischen Zeit erlaubte, sich zu einer immer mächtiger werdenden Totalität zu organisieren und Widerstand gegen das kapitalistische System auch unter den schwierigsten Bedingungen zu leisten. Anders als der entsozialisierte und entsolidarisierte Mensch der Gegenwart, fühlten sich die Arbeiter damals als Teil eines solidarischen Ganzen. Das System hat mit allen Mitteln und weitgehendem Erfolg versucht, diese Tradition der Arbeiterklasse auszuhöhlen und ihr seine eigene Ich-Ideologie einzuimpfen. Durch diese geistige Kolonisierung ist es ihm gelungen, aus ihr eine amorphe und strukturlose Masse von atomisierten Monaden zu machen.
Ich brauche nicht zu unterstreichen, dass der vom System propagierte Hyperindividualismus ein schäbiges, engstirniges und höchst defizitäres Erfüllungsmodell ist, das unweigerlich zum Hobbesschen Krieg aller gegen alle führt und nur die aggressive und destruktive Anlage des Einzelnen fördert bei gleichlaufender Unterdrückung seines Kooperationstriebs. Die Hoffnung Hermann Brochs, dass sich die Demokratien nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer "starken Humanität" entwickeln würden, hat sich nicht erfüllt. Durchgesetzt hat sich leider die Brutalität. Mit Richard Sennet meinen wir: "Ein Regime, das Menschen keinen tiefen Grund gibt, sich um einander zu kümmern, kann seine Legitimität nicht lange aufrechterhalten" ( 2 ). (...)
1) Max Horkheimer: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft (Frankfurt/Main 1996) S. 157
2) Richard Sennet: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus (Darmstadt 1998) S. 203