Gerechtigkeit
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Leseproben

Gerechter Blitz 2

Rotraud A. Perner: Henne oder Ei? Gerechtigkeit als „Work in Progress“


Start: Das nackte Überleben

„Im Lichte der Einstein'schen Anschauung, dass wir die Ereignisse nur 'am' Beobachter beobachten können“, wie der franko-amerikanische Ethnopsychoanalytiker Georges Devereux in „Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften“ schreibt, erscheint die Forderung nach einem objektiven Blick auf den Begriff Gerechtigkeit als eine Illusion, bestenfalls eine Wunschvorstellung – und zwar von denjenigen, die sich ungerecht behandelt fühlen.

In unserer dualen Welt der Gegensätze begreift sich Gerechtigkeit als Gegensatz zu Ungerechtigkeit. Sie entsteht aus einer Erfahrung, gefolgt von einer Emotion; sie bedarf dazu eines Vergleichsmaßstabs und eines Standpunkts.  Der wiederum gründet sich auf ein Wertesystem. Dem Baby in der Wiege ist es egal, ob das Nachbarbaby früher oder mehr zu trinken bekommt – wenn es Hunger hat, wird es schreien und zappeln, wenn es satt ist, wird es einschlafen. Es wird schon – nach seinen Möglichkeiten – registrieren, ob eine Nahrungsquelle in seinen Nahbereich tritt und es wird sich bei Bedarf bemerkbar machen, aber es wird „bei sich“ sein und nicht auf Konkurrenz orientiert. Es wird zwar abwehrende Reaktionen der Pflegeperson spüren, aber es wird seine Reaktion nicht in dem bewussten Sinn zuordnen wie wir es tun, wenn der Kellner im Restaurant andere, später gekommene Gäste vor uns bedient – aber möglicherweise wird seine Erfahrung mit Hintangestelltwerden in seinem späteren Leben zu immer gleichen Verhaltensweisen motivieren: zu resigniertem Verstummen oder selbstbehauptendem Protest.

„In die Wiege gelegt“ ist uns das Gerechtigkeitsgefühl nicht – geht es doch zuallererst um Überleben und das bedeutet „catch as catch can“: schlucken oder verhungern. Zupacken oder verhungern. Wegnehmen oder verhungern. Dreinschlagen oder verhungern. Vielen bleibt diese „orale Gier“ ihr Leben lang, Suchtgefährdung inbegriffen. 

Bevor ein Kleinkind „Das ist ungerecht!“ denkt, lautet sein Widerstandsruf meist „Das ist gemein!“ Gemein ist zuallererst, ihm etwas weg zu nehmen. Die Brust, das Fläschchen in der so genannten „oralen“ Phase der psychosexuellen Entwicklung. Die Haare, die Fingernägel… in der folgenden „analen“ Phase, später: Das Schauferl, das Küberl… noch später die Sammelstücke und sonstigen Trophäen, die ein Kinderherz lieb hat und hortet, vielleicht auch schon, um „mehr“ zu haben als die Anderen, denn in der nächsten, der „phallischen“ Phase geht es ums Herzeigen und Protzen. So erwirbt das Kind – hoffentlich! – die Fähigkeiten, die es später braucht, um seine Mangelzustände zu spüren und zu erkennen, deren Befriedigung mit Tatkraft angehen und / oder Kooperationspartner anlocken zu können, bis es sich schließlich in der berüchtigten „ödipalen“ Phase damit auseinander setzen muss, dass es Konkurrent/innen hat: nach Sigmund Freud primär im gleichgeschlechtlichen Elternteil bzw. dessen Ersatzperson.  Spätestens jetzt wurmt es den Nachwuchs, dass Andere mehr dürfen/ können, und die Frage „Warum“ zielt nicht mehr auf Geschichten von der Entstehung von Beobachtungsgegenständen und Traditionen, sondern auf Erklärung beobachteter Ungleichheit. (...)

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Horst Hahn: Kalt und gerecht

Am Morgen war der Hund tot. Am Abend zuvor hatte Josip ihm Futter und Wasser hingestellt und ihn in den Schlaf gesungen. Immer wenn er keine Schicht hatte oder nicht unterwegs war, hatte er ihm Garishs „Von 10 abwärts“ vorgesungen. Meistens war der Hund dabei seelenruhig eingeschlafen. Diesmal war der Hund jedoch nicht mehr aufgewacht. Tot und steif wie ein Brett war das Tier und lag wie immer vor der Eingangstür seiner Einzimmerwohnung.

„Wie lange bist du schon tot, Hund?“, fragte er, als er überlegte wo er den Hund anfassen sollte. Tausendmal hatte er den Hund angefasst. Das war nie ein Problem, im Gegenteil. Aber in diesem Zustand. Schon komisch so ein toter Körper, irgendwie fremd. Die Überlegung kam ihm jetzt noch absurder vor. Immerhin hatte er fast täglich mit toten Tieren zu tun. Aber andererseits waren es fremde Hühner, also ihm nicht persönlich bekannt, wenn man das bei Tieren auch so in der Art sagen kann. Und außerdem waren die Kontakte kurz und überhaupt handelte es sich doch bloß um Teile, genau genommen um die Keulen der Hühner aus bester Freilandhaltung vom Land. Also kein Vergleich möglich und daher irrelevant. Da lag sein Hund und war tot. Ursache unbekannt.

„Wie geht’s jetzt weiter?“, fragte er sich. „Frühstück. Zuerst eine große Schale Kaffee, dann fällt mir sicher etwas ein.“ Während er dasaß und Kaffe trank, dachte er an die Tierverwertungsstelle und wie irgendein Typ seinen Hund achtlos auf einen Haufen Müll werfen würde. Das kam für ihn nicht in Frage. Nicht mit seinem Hund. Also musste eine andere Lösung her. Er musste den Hund beerdigen. Ohne Musik und viel Schnickschnack, aber mit Anstand und Würde. Da gab es eine Stelle nahe am Fischerbach mit einem großen Baum und einer Sitzbank. Dort war er oft mit ihm gewesen und genau dort sollte der Hund seine letzte Ruhestätte bekommen. Er holte seinen einzigen Teppich, ein Geschenk seiner Großmutter aus besseren Zeiten und legte das gute Stück vor den Hund ab. Dann rollte er den steifen Kadaver in den Teppich ein. Schon dabei kam er ganz schön ins Schwitzen, aber als er die Teppichrolle mit dem Hund hochheben wollte, war der folgende Schweißausbruch sein kleinstes Problem. Keine zehn Zentimeter hatte er das Paket hochheben können. Er wollte es noch einmal mit Schwung versuchen. Er umfasste den Teppich mit beiden Händen, zählte bis drei, um sich selbst ein Zeichen zu geben, und hob das Ding hoch. Nach einer Sekunde des innerlichen Jubels war ihm die Ausweglosigkeit seiner Situation bewusst. Wie sollte er in dieser Demutsstellung die Tür öffnen, nach draußen gehen, geschweige denn mit einer Leiche zwischen den Beinen durch die ganze Stadt watschelnd die Au erreichen? Lächerlich. Zurück an den Start. Er ließ den Teppich zu Boden gleiten und setzte sich schnaufend an den Tisch. Von dort aus betrachtete er das Paket, dann seine Eingangstür und hin und her. (...)

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Josef Cap, Sabine Seuss: Gerechtigkeit im Neoliberalismus

Der Begriff der Gerechtigkeit spielt in allen Politikbereichen eine wesentliche Rolle und dient gerade im alltäglichen Politikgeschäft oftmals als Reibebaum, wenn es um Positionierungen zu bestimmten Problemstellungen und Sachverhalten, um Konzepterstellung und Durchführung politischer Maßnahmen geht. Gerechtigkeit ist gleichsam die Zielperspektive, an die man sich nur asymptotisch annähern kann. Dabei ist Gerechtigkeit nicht als unveränderbare Maxime zu verstehen, sondern als kontextabhängig und historisch veränderbar. Was als „gerecht“ empfunden wird, ist nicht zu jeder Zeit und an jedem Ort gleich. Es ist nicht ein einmal zu Fixierendes, sondern immer einem gesellschaftlichen Aushandlungsprozess unterworfen. Dieser Aushandlungsprozess findet maßgeblich auch in der Politik statt, vorausgesetzt man verfügt über ein prozessuales Politikverständnis, das statischen Vorstellungen widerspricht. Über Gerechtigkeit muss immer wieder neu verhandelt werden.Die Diskussion um Gerechtigkeit hat dabei unterschiedliche Dimensionen. In verschiedenen Diskursen werden Aspekte des Gerechtigkeitsbegriffs untersucht. Das Thema Recht und Gerechtigkeit und auch das Begehren diese beiden Dimensionen von einander zu entkoppeln ist in Juristenkreisen und nicht nur dort ein viel diskutiertes. Auch in der politischen Philosophie und Ethik hat die Frage nach Gerechtigkeit eine lange Tradition, die bis Platon und Aristoteles zurückreicht und in den letzten Jahrzehnten wieder zusätzliche Aktualität gewonnen hat, was sich beispielsweise an den Debatten über die Gerechtigkeitsvorstellungen von John Rawls zeigen ließe. Darüber hinaus existiert auch im Alltag ein ausgeprägtes Verständnis von Gerechtigkeit, was gerade in der Politik eine große Rolle spielt und immer in Betracht gezogen werden muss. Von besonderer Bedeutung ist der Begriff der sozialen Gerechtigkeit, der für die Sozialdemokratie einen Schlüsselbegriff darstellt. Dabei geht es um die Frage der Teilhabe am gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Leben, um die Verteilung von Ressourcen und Sicherstellen von Lebenschancen. In diesem Beitrag soll dieser Aspekt des Gerechtigkeitsbegriffs vorrangig untersucht werden. (...)

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