Freiheitskampf
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Nachwort eines Freundes
von Erich Hackl

Freiheitskampf

erschienen in "Freiheitskampf" von Karl Flanner:

Nachwort eines Freundes

Gegen Ende dieses Buches, dessen Bedeutung den geographischen wie zeitlichen Rahmen - das Gebiet Wiener Neustadt und den dortigen Widerstand gegen das Naziregime - sprengt, zitiert Karl Flanner aus einem Erlaß des Reichsjustizministeriums von Anfang Februar 1945: „Die Spuren der Unschädlichmachung sind sorgfältig zu beseitigen.“ (Gemeint war: die Ermordung der bis dahin noch lebenden politischen Gefangenen, Juden, „Judenmischlinge ersten Grades“, Zigeuner.) Flanners publizistische Tätigkeit, die sich in 23 Büchern und Broschüren und über 1.800 Aufsätzen und Chroniken niederschlägt, entzündet sich an dieser sprachlich verrenkten Anordnung, die - in abgemilderter Form - auch andere Herrschaftssysteme und herrschende Ideologien ausgegeben haben. Flanner ist ein Spurensucher, egal ob es sich nun um die Revolution von 1848 oder die erste Arbeiter-Baugenossenschaft, den Räuberhauptmann Grasel oder den Volksdichter Leitner, um Köhler, Dirnen oder Seidenraupen, Österreicher in Buchenwald oder Sklavenarbeiter im Rax-Werk handelt. Und wie sorgfältig die Spuren auch verwischt wurden, der gelernte Gärtner und Elektroschweißer findet sie, folgt ihnen, weiß über das Ergebnis seiner Nachforschungen genau und kundig zu berichten.

Er zieht Geschichte, schreibend, in die Gegenwart (wo sie ohnehin hingehört, nur muß man das den meisten Leuten erst klarmachen), und zwar ohne Behauptungen und Willensäußerungen, einfach durch die Art der Darstellung, die Perspektive, die Hingabe. Flanner schrieb mir einmal, seine Absicht sei, „den hauptsächlich jüngeren Lesern zu sagen, daß es der aufrechte Gang ist, der den Menschen nach seiner Verabschiedung aus dem Tierreich auszeichnet, was Begeisterung für eine Idee und Widerstand gegen Unrecht einschließt; aber auch den Blick für jene [in den Lesebüchern ausgesparten] Geschichten zu schärfen, welche die in der Vergangenheit gesetzten Ziegelsteine sind, auf denen unsere Gegenwart ruht“ - und ohne deren Kenntnis, ergänze ich, die Zukunft mit jenen Brettern vernagelt ist, die manche unserer Zeitgenossen vor dem Kopf tragen.

Karl Flanner hat sich fast ausschließlich mit seiner Geburtsstadt beschäftigt. Trotzdem ist er kein herkömmlicher Lokalhistoriker. Durch die Präzision seiner Darstellung werden die alte Industriestadt und ihre Umgebung nicht nur anschaulich, gleichsam begehbar durch die Jahrhunderte, sie rücken auch ins Zentrum des Weltgeschehens, erweisen sich als Orte, an denen Erfahrung und Erfüllung möglich sind. Flanner befreit sie vom Ruch des Provinzialismus, ohne daß er der Region etwas von ihrer Besonderheit nimmt. Die Beziehungen zwischen den Menschen, ihre Verständigung miteinander, ihre Fertigkeiten, Handlungen und Verfehlungen sind im Werk dieses ungewöhnlichen Heimatforschers aufgehoben, der bei allem Verständnis für Schwächen und bei aller Bereitschaft zur Versöhnung nicht willens ist, über Untaten zu schweigen und die Würgmale der Geschichte - das Wort stammt vom Schriftsteller Franz Kain - als unverzichtbare Folgen des Zusammenlebens hinzunehmen. Ich glaube, Karl Flanner hält es mit Ernst Bloch, für den Heimat etwas ist, das „allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“ - eine herrschaftsfreie Gesellschaft, in der die Beziehungen zwischen den Menschen nicht der krausen Profitlogik unterworfen sind. Diesem Ziel näherzukommen, es wenigstens im Auge zu behalten, dafür hat er ein Leben lang gekämpft, fast sechzig Jahre lang geschrieben. Natürlich ist es nicht zu vermeiden, daß die Zuneigung zu diesem großen Chronisten und die Lektüre seines Werks auch auf den Gegenstand abfärbt. Ich will damit sagen, daß mir Wiener Neustadt durch ihn vertraut und liebgeworden ist, daß ich die Stadt in ihrer sozialen Bewegung - in Kampf, Aufruhr, Widerstand - wahrnehme, nicht im parteipolitisch verordneten Stillstand, nicht in der Enge von Spekulation und Umstrukturierung, nicht in der Verödung durch Konsumismus. Und es freut mich zu sehen, daß Flanner vor Ort nicht alleingeblieben ist; mit dem Verein Alltag finden sich Gleichgesinnte, junge Gefährten im Bemühen, „die Spuren der Unschädlichmachung“ sichtbar zu machen.

Also ist es kein Zufall, daß das Buch über „Widerstand im Gebiet Wiener Neustadt 1938-1945“ von diesem Verein herausgebracht wird, genau dreißig Jahre nach der Erstveröffentlichung im Europa Verlag. Der Österreichische Gewerkschaftsbund hat sich seines Verlags inzwischen entledigt - in einer jener kopflosen Aktionen, mit denen österreichische Arbeiterfunktionäre die eigenen Organisationen ins geistige Abseits katapultiert haben. Die Neuauflage fällt in eine Zeit, in der die intellektuelle Elite Österreichs den Widerstand gegen das NS-Regime nur noch als historische Reminiszenz duldet. In den siebziger Jahren, auch noch zu Beginn der Achtziger, gab es eine Reihe von Leuten - Künstlerinnen, Historiker, Liedermacher, Lehrerinnen, Journalisten -, die ein anderes, ein rebellisches Österreich aufspüren wollten. Was sie einte, war der Zweifel am überkommenen Bild dieses Landes. Es ging ihnen weder um Verklärung noch um Verdammung. Die sogenannte Provinz wurde wahrgenommen als mögliche Stätte der Veränderung und des Aufbruchs. Dann kam das Jahr 1986 und die Waldheimaffäre, die Protestbewegung gegen den erinnerungsschwachen Präsidenten und die seltsame Übereinstimmung von Apologeten wie Gegnern: So sehr sie sich in der Bewertung von Waldheims Biografie und Charakter auch unterschieden, einig waren sie sich im Glauben, sein Verhalten sei repräsentativ für die Bewohner dieses Landes, wenigstens für seine Generation. Damals junge Zeithistoriker, die den österreichischen Widerstand gegen das Naziregime als Teil der eigenen Geschichte erforschten, meinen heute, diesen Widerstand als eine vernachlässigbare Größe nicht weiter ernstnehmen zu müssen. Während des scheinbar unaufhaltsamen Aufstiegs der Haiderpartei in den neunziger Jahren zerbrachen sich Schriftsteller und Intellektuelle in aller Öffentlichkeit - Öffentlichkeit der Illustrierten - den Kopf, auf welch auswärtiges Ruhekissen sie denn nun ihr Haupt betten sollten, und im Aufruhr infolge der Regierungsbeteiligung einer rechtsextremen Partei war Widerstand zwar der Leitbegriff, aber jeder historischen Dimension entkleidet: Die Organisatoren der Protestbewegung vermieden es, österreichische Widerstandskämpfer bei ihren Kundgebungen sprechen zu lassen; deren Erfahrungen galten ihnen nichts, paßten nicht in ein Geschichtsbild, demzufolge die Jahre seit Gründung der Ersten Republik nichts weiter sind als eine Rutschbahn in die gegenwärtige Misere. Die These von Österreich als Opfer der nazideutschen Aggression wurde als Ganzes verworfen, nur weil sie just von denen vorgebracht wurde, die sich ihrer schamlos, aus purem Eigennutz, bedienten.

So hat sich ein Geschichtsbild verfestigt, das dem der Nazis sehr ähnlich ist und der von ihnen geäußerten Behauptung entspricht: Es haben eh alle mitgetan! Die von Karl Flanner mitgeteilten Fakten korrigieren diese Geschichtsklitterung. Er verschweigt nicht die Verbrechen, er nennt die Täter und das Ausmaß ihrer Taten, er zeigt aber auch die vielfältigen Formen des Widerstands, würdigt die Oppositionellen, ohne sie zu heroisieren, dies alles nach peniblen Recherchen und in genauer Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten, des familiären Hintergrunds, der persönlichen Motive. Obwohl er sich auf das Gebiet Wiener Neustadt beschränkt, weitet sich sein Blick auf das ganze Land. Er läßt keinen Zweifel daran, daß Linke - Kommunisten und Sozialdemokraten - die Hauptträger des Widerstands waren, junge Arbeiter vor allem (und mich beschleicht, lesend, der Verdacht, daß die öffentliche Demontage des antinazistischen Widerstandes auf die Zerstörung der proletarischen Identität abzielt), unterschlägt aber weder den konfessionellen Widerstand noch den Umschwung ehemaliger “Illegaler³, denen nach der Annexion plötzlich oder allmählich ein Licht aufging. Die rassistisch Verfolgten - Juden, “Judenmischlinge" und Roma - nimmt er als Menschen, nicht als Gruppe oder Masse wahr. Auch die ausländischen Zwangsarbeiter sind ihm Individuen, jeder und jede für sich, mit eigenen und doch vertrauten Empfindungen. Was ich an Karl Flanner besonders bewundere, ist seine Fähigkeit und sein Impuls, gleichzeitig als Historiker und als unmittelbar Beteiligter sich zu äußern. Er kommt ja vor in diesem Buch, notgedrungen, als Widerstandskämpfer der ersten Stunde, und er spricht auch ganz selbstverständlich von sich, in der dritten Person, bescheiden, aber ohne mit seiner Bescheidenheit zu kokettieren, bestimmt, aber ohne jeden Anflug von Wichtigtuerei. Und wieder gilt, was ich schon anfangs gesagt habe: Das Buch besticht durch die klare, anschauliche Sprache, die vergessen macht, wie viel Mühe es den Autor gekostet hat, das Material zusammenzutragen und in seiner Fülle zu strukturieren. Das Leid verführt ihn nicht zu Pathos, aber ihn schmerzt - wie mich, den Leser - die unerbittliche Vorläufigkeit des Wörtchens “noch": “noch erkennt man an der Peripherie unserer Stadt vom Grün der Natur überwucherte Bombentrichter, noch stolpert man in unseren Wäldern über Schützenlöcher und Laufgrabenreste. Aber morgen schon werden alle erkennbaren Spuren verschwunden und die letzten Überlebenden des gnadenlosen Kampfes um Freiheit und Heimat ins Grab gesunken sein." Dann bleiben nur noch “steinerne Denkmäler, Marmortafeln und einige Straßennamen". Soweit sind wir.

Ich halte es für keinen Zufall, daß Karl Flanner von den Tugenden der Antifaschisten zu allererst “das große Herz" nennt. Ich will es auch an ihm rühmen.   

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