Verschiedene Leseproben

Bettina Walde / Ein neues Menschenbild? Willensfreiheit zwischen Hirnforschung und Lebenswelt
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Die Debatte um die menschliche Willensfreiheit wurde in den letzten 15 Jahren mehr als je zuvor vor allem von neurowissenschaftlichen Einsichten geprägt. Die am 17. Juli 1990 in einer Rede vor dem Kongress von George W. Bush ausgerufene „Dekade des Gehirns“ ging auch an der Frage nach der Willensfreiheit keineswegs spurlos vorüber. So ist in der aktuellen Diskussion immer wieder behauptet worden, dass die Willensfreiheit empirisch widerlegt worden sei, manch einer hat sogar gefordert, „wir sollten aufhören von Freiheit zu sprechen“1. Und auch der Ruf nach einem neuen Menschenbild, das den neuen Einsichten gerecht würde, wurde laut. Doch was ist nun dran an den vielfachen Forderungen und Thesen? Ist es tatsächlich so, dass neurophysiologische Untersuchungen die Willensfreiheit widerlegen? Belegen empirische Untersuchungen zur Handlungssteuerung und zur Rolle bewusster, mentaler Zustände tatsächlich den Epiphänomenalismus, die These also, dass bewusste, mentale Zustände keine Auswirkung auf den Körper (oder allgemeiner: auf die gesamte physikalische Welt) haben? Und inwieweit folgen aus der Hirnforschung tatsächlich Änderungen im Hinblick auf das Menschenbild?
Auslöser für die neu entfachte Diskussion um die Willensfreiheit waren neuropsychologische Studien, die zu zeigen scheinen, dass bereits vor dem Treffen einer bewussten Entscheidung in den motorischen Arealen im Gehirn ein Bereitschaftspotential aufgebaut wird, das der Durchführung einer Körperbewegung vorangeht. Es scheint, als würde die Durchführung der körperlichen Bewegung bereits motorisch vorbereitet, bevor es überhaupt eine bewusste Entscheidung für die Durchführung der Handlung gegeben hat. Benjamin Libet, der entsprechende Resultate bereits 1985 publiziert hatte2, wies seine Versuchspersonen an, zu jeweils frei gewählten Zeitpunkten ihren Finger zu beugen und zugleich anzugeben, wann sie erstmals den Drang verspürten, diese Bewegung durchzuführen. Auf einer oszillographischen Uhr konnten sie den subjektiv empfundenen Zeitpunkt datieren, zu dem die bewusste Entscheidung auftrat. Dabei zeigte die Ableitung des Bereitschaftspotentials, dass das Bewusstsein erst auftritt, wenn die Handlung bereits auf unbewusster Ebene vorbereitet wird. Da das Moment der bewussten Entscheidung zu spät auftritt, ist die Entscheidung offensichtlich nicht frei – so die Schlussfolgerung. Wenn man nun annimmt, dass es sich bei dem von Libet beobachteten Phänomen um einen grundlegenden Mechanismus der Handlungssteuerung handelt, der stets bei der Durchführung von Handlungen zu finden ist, so hätte sich die Willensfreiheit als empirisch widerlegt erwiesen. Bewusste Willensentscheidungen wären ganz einfach nicht das ausschlaggebende Moment vor der Durchführung einer Handlung. (...)Â
Roland Girtler / Die alte Geschichte der Freiheit und die vagabundierenden Studenten
Das Dilemma mit der Freiheit
Der Begriff der Freiheit ist ein häufig missbrauchter und er tritt in vieler Gestalt an uns heran. Gewaltregime bedienten und bedienen sich des Hinweises auf die Freiheit, um für ihre „wahre Freiheit“ kämpfen und Menschen erniedrigen zu dürfen. Ebenso berufen sich Gesellschaften auf die Freiheit, für die die Arbeit und die Leistung im Vordergrund ihres Denkens stehen. Erst der Mensch ist demnach „frei“, der „im Schweisse seines Angesichtes sein Brot verdient“. Das Prinzip der Leistung steht allerdings im Widerspruch zum Ideal der Freiheit, wie es die freiheitsliebenden Studenten und fahrendes Volk das ganz Mittelalter hindurch bis zur Neuzeit verstanden haben. Freiheit steht in diesem Sinn in einem gewissen Gegensatz zur Leistungsbesessenheit des modernen, am Gewinn und Wohlstand ausgerichteten Menschen. Es zahlt sich aus, einige Gedanken zum Postulat der Freiheit hier einzubringen, denn schließlich ist es ein Losungswort der aufständischen Studenten des Jahres 1848. Und gerade diese menschenfreundliche Tradition scheint mir heute in Vergessenheit geraten zu sein. Ich meine nun, dass dieser Freiheitsbegriff der alten Studenten ein sehr weiterer ist, dass er einer ist, der die offenen Herzen klingen lässt. Darüber wird hier zu schreiben sein (...)
Reinhard Astleitner und Christian Penkler / ...sprach die Wachtel - Ein Essay zur Phänomenologie von Freiheit, Gesellschaft und Physik.
Niemand schreibt uns vor, wie wir unser Leben in Zukunft bestreiten sollen. Wir können frei wählen. Es steht uns frei, welche Nahrung wir zu uns nehmen, welchen Beruf wir ergreifen, welche Musik wir hören, wen wir als Partner nehmen.Noch nie hatten wir eine solche Vielfalt an Möglichkeiten, unser Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Nie hatten wir grössere Chancen - losgesagt von äusseren Einflüssen, auf die die Generationen vor uns reagieren mussten - uns mit uns selbst zu beschäftigen und ins Reine zu kommen.Jetzt zur schlechten Nachricht.Es wird nicht geschehen.Wir neigen nicht dazu, unser Schicksal selbst zu bestimmen. Herdentiere wollen nicht wissen wo es hingeht, sondern sie wollen gut essen und regengeschützt schlafen.Beobachtet man Menschenmassen nach einem Theater- oder Kinobesuch, wird einem schnell klar, woraus wir gestrickt sind.Meistens laufen wir geradewegs aus dem Saal, obwohl der Ausgang gut beschildert ist und die Billeteure den Weg weisen.Wir kümmern uns nicht, um gut beleuchtete Ausgänge, wir ignorieren die Handzeichen der Angestellten und kehren zurück ins Foyer, woher wir ursprünglich gekommen sind und das jetzt dunkel und unbenutzt ist.Nicht ahnend, dass der Ausgang nicht gleich dem Eingang sein muss.Wir kehren lieber ins vermeintlich bekannte Umfeld zurück, als dass wir neues Terrain betreten. Zudem stellten Verhaltensforscher fest, dass sich Menschenmassen wie zähe Flüssigkeiten verhalten. Sie wählen den Weg des geringsten Widerstandes und bewegen sich langsam aber sicher - vorzugsweise geradlinig - fort. Das Verhalten des Individuums wird durch das Verhalten der Masse überlagert. Die scheinbare persönliche Entscheidung geht im Strom unter. Das passt dem Einzelnen natürlich nicht. Er ist voller selbstverwirklichender Energie und ist sich seiner individuellen Möglichkeiten bewusst. Er kann, will, wird aber nichts dergleichen machen. Wir haben die Zukunft der Welt in unseren Händen und applaudieren im Rhythmus der Phlegmatik. Je mehr wir machen könnten, desto weniger wird gemacht. Option gleich Stagnation. (...)
Hannes Swoboda / Auf dem Weg zur globalen Freiheit:
Seit ich weiß, dass mein Familienname übersetzt „Freiheit“ heißt, trage ich diesen mit einem gewissen Stolz. Und er wurde mir auch zu einer Verpflichtung. Zunächst für mich selbst, aber in der Folge auch für meine politischen Funktionen.
In diesem Sinn möchte ich die politische Freiheit in den Mittelpunkt meines Beitrages stellen. Dabei ist nach Friedrich Schiller der „Bau einer wahren politischen Freiheit“ das „vollkommendste aller Kunstwerke“ . Bereits bei Schiller kommt das Prozesshafte bzw. die Entwicklungskomponente im Freiheitsbegriff einen großen Stellenwert.
So sehr der Begriff der Freiheit etwas Absolutes, klar Definiertes auszudrücken scheint – er ist viel schillernder und vielfältiger, als wir gemeinhin annehmen wollen. Die Freiheit ist ein Ziel, dem man sich nur durch ständiges Bemühen annähern kann. Und dies gilt für die politische Freiheit in besonderem Maße.
Der aus Indien stammende Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, Amartya Sen, sieht daher auch die Freiheit in mehrfacher Hinsicht mit dem Begriff Entwicklung verknüpft. In der Einleitung zu seinem Werk „Ökonomie für den Menschen“ meint er: „Entwicklung lässt sich, so meine These, als Prozess der Erweiterung realer Freiheiten verstehen, die den Menschen zukommen. (...) Entwicklung fordert, die Hauptursache von Unfreiheit zu beseitigen: Armut wie auch fehlende wirtschaftliche Chancen wie auch systematischen sozialen Notstand, die Vernachlässigung öffentlicher Einrichtungen wie auch die Intoleranz oder die erstickende Kontrolle seitens autoritärer Staaten.“ Dabei sind es nicht nur die Länder der Dritten Welt, die sich in Entwicklung befinden – bzw. befinden sollten. Die Entwicklung im Sinne der „Erweiterung realer Freiheiten“ ist ein Gebot für alle Gesellschaften.
Karl Marx meinte in einer seiner philosophischen Schriften, es wäre „an die Stelle der Herrschaft der Verhältnisse und der Zufälligkeiten über die Individuen die Herrschaft der Individuen über die Zufälligkeiten und die Verhältnisse zu setzen“ . Interessant ist, dass er in dieser Aussage nicht die Herrschaft der Gesellschaft anstrebt, sondern die Herrschaft der Individuen. Klar ist aber auch, dass sich im Laufe der „Ausweitung substanzieller Freiheiten“ immer wieder Zwänge und Unfreiheiten einstellen. Das hat Marx selbst übersehen, das haben aber vor allem seine Apologeten und Epigone übersehen – mit fatalen Folgen für die Entwicklung vieler Gesellschaften und Millionen ihrer Mitglieder. (...)