Erlebt und gereimt
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Am Zellenfenster (1940)
von Karl Flanner

Erlebt und gereimt

erschienen in "Erlebt & gereimt" von Karl Flanner:

Am Zellenfenster

Als ich am Fenster meiner Zelle stand,

die Eisenstäbe hielten fest umklammert

meine Hand,

da sah ich auf die hohe Mauer vorm

Gefangenenhaus,

und noch darüber - sah der Freiheit Blumenstrauß.

Sah bunte Blumen auf der Wiese blühn

Und Menschen blumenpflückend drüberziehn;

und ich sah Kinder sorglos im Spiel verstrickt,

selbst wie Blüten, die noch keine rohe

Hand geplückt

Und diese Knospen, Kraft und Sehnsucht

Tief verborgen,

sie träumten lebensdurstig, liebesuchend in den

klaren Morgen,

Da fiel, noch eh die Sonne ihre ersten

Strahlen sandte,

ein Reif und sengte, mordete und brannte

und beugte tief die aufrecht stolzen Nacken,

entfärbte bleich und unansehnlich grau

die frischen Backen.

Und als ich wieder auf dem Zellenfenster stand,

da sah ich statt der Blüten ödes Steppenland. 

Die Sonne aber stieg und schmolz das trübe Eis

Und rief und rüttelte und drängte jedes Blumenreis:

Steht auf! Lang habt genug den Nacken ihr gebogen!

Den Sonnenaufgang saht ihr nicht, um den

man euch betrogen,

nicht sahet ihr das Firmament, in Rot zerflossen,

nicht eure Kameraden, die der Sonn

entgegensprossen.

Strafft eure Glieder und werft ab die Sorgen,

frei sollt ihr stehn und blühn, denn dies ist

euer Morgen! 

Und wiederum lag im bunten Blütenkleid das Land,

doch nimmermehr ich auf dem Fenster

meiner Zelle stand.

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