von Karl Flanner

erschienen in "Erlebt & gereimt" von Karl Flanner:
Am Zellenfenster
Als ich am Fenster meiner Zelle stand,
die Eisenstäbe hielten fest umklammert
meine Hand,
da sah ich auf die hohe Mauer vorm
Gefangenenhaus,
und noch darüber - sah der Freiheit Blumenstrauß.
Sah bunte Blumen auf der Wiese blühn
Und Menschen blumenpflückend drüberziehn;
und ich sah Kinder sorglos im Spiel verstrickt,
selbst wie Blüten, die noch keine rohe
Hand geplückt
Und diese Knospen, Kraft und Sehnsucht
Tief verborgen,
sie träumten lebensdurstig, liebesuchend in den
klaren Morgen,
Da fiel, noch eh die Sonne ihre ersten
Strahlen sandte,
ein Reif und sengte, mordete und brannte
und beugte tief die aufrecht stolzen Nacken,
entfärbte bleich und unansehnlich grau
die frischen Backen.
Und als ich wieder auf dem Zellenfenster stand,
da sah ich statt der Blüten ödes Steppenland.Â
Die Sonne aber stieg und schmolz das trübe Eis
Und rief und rüttelte und drängte jedes Blumenreis:
Steht auf! Lang habt genug den Nacken ihr gebogen!
Den Sonnenaufgang saht ihr nicht, um den
man euch betrogen,
nicht sahet ihr das Firmament, in Rot zerflossen,
nicht eure Kameraden, die der Sonn
entgegensprossen.
Strafft eure Glieder und werft ab die Sorgen,
frei sollt ihr stehn und blühn, denn dies ist
euer Morgen!Â
Und wiederum lag im bunten Blütenkleid das Land,
doch nimmermehr ich auf dem Fenster
meiner Zelle stand.