Die Stadt
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Rosecker Michael
Die Stadt - Nahraum der Demokratie

Artikuliere dich!

Ort der Prägung, Ort der Gestaltung, Ort des Gemeinsamen im Vielfältigen

„Städte bestehen nicht aus Häusern und Straßen, sondern aus Menschen und ihren Hoffnungen.“ (Augustinus)

Die Städte Europas sind eine herausragende und spezifische historische Entwicklung dieses Kontinents seit rund 1.000 Jahren. Die meisten historischen Um- und Aufbrüche (Rationalismus, Demokratie, Marktwirtschaft, Technisierung, Bürokratie, Sozialstaat …), die für die Gestalt unserer Gegenwart verantwortlich sind, fanden ihren Ursprung in den Städten, als Angelpunkt gesellschaftlicher Dynamik: „Die europäische Stadt ist Keimzelle der westlichen Moderne.“ (1)
Sie versprach den Menschen sich als StädterIn aus beengten politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnissen befreien zu können. Sie war Ausdrucksform einer besonderen Lebensweise, die sich vom Landleben durch Größe der Bevölkerung, Dichte der Bauweise, Neben- und Miteinander der sozialen Gruppen, Mobilität bzw. Migration sowie Arbeitsteilung unterschied und sich in der Polarität der Sphären Öffentlichkeit und Privatheit ausdrückte. Und die europäische Stadt erfüllte die (historisch gewachsenen) zentralen Funktionen als öffentlicher politischer Diskursraum, „Marktort“ (2) und Rechtsraum (3). Außerdem war die europäische Stadt auch immer eine sozialstaatlich regulierte Stadt, die dadurch spezifische Formen politischen Handelns geprägt hat. Europäische Städte waren somit Räume, in denen traditionelle Weltbilder kritisiert und hergebrachte Lebenszusammenhänge revolutioniert wurden. Menschen wurden somit immer mehr aus verbindlichen Wahrnehmungskategorien, Bewertungsmustern und Verhaltensnormen freigesetzt. Lebenszusammenhänge wurden vielfältiger und differenzierten eine Vielzahl menschlicher Ansprüche, Anforderungen und Interaktionen aus. Das Prinzip „Stadtluft macht frei“ überdauerte als Programmatik einer Lebensweise somit seine mittelalterliche Rechtsgültigkeit bei Weitem.

Viele typische Merkmale der Städte haben sich jedoch gerade in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert und manche Ideale wurden nie erreicht. Die historische Gewachsenheit städtischer Strukturen wurde durch den Zweiten Weltkrieg zerstört oder ist danach durch rationalistische Investoren- oder Stadtplanerinteressen bzw. Modernisierungsanforderungen beseitigt oder ihrer Funktion beraubt worden. Auch die großen Emanzipations- und Freiheitsversprechen der Städte verschlissen sich oft an der Kluft zwischen rechtlichen Gleichheitsversprechen und ökonomischen Ungleichheitszumutungen oder sind durch die gesamtgesellschaftlichen Emanzipations- und Freisetzungsprozesse obsolet geworden bzw. keine spezifisch städtische Eigenschaft mehr. Ebenso die notwendige Mobilität heutiger Arbeitsmärkte und die Schnelligkeit der Informationsflüsse haben die städtische Lebensweise und ihrer verschiedenen Funktionen (Politik, Märkte, Recht) gesprengt und verändert. Die Einheit von Wohnen – Arbeiten – Freizeit im Alltag, ist in Vielheiten, nicht nur geografisch, zerbrochen. Und schließlich stößt die sozialstaatliche Regulierung der Kommunen durch die Abwälzung der Kosten von Folgeproblemen und -konflikten der Arbeitsmarktentwicklung, sozialer Ausgrenzung und pluralisierter Lebensstile durch Bund und Länder oft an die Grenzen des Finanzierbaren. Wie überhaupt Städte und Kommunen „die Endstation im Verschiebebahnhof der Großprobleme“ (4) wurden.

„Ich weiß schon, meine Damen und Herren, das alles klingt sehr kompliziert so wie diese Welt in der wir leben und handeln, und die Gesellschaft, in der wir uns entfalten wollen (…).“ (5) (Fred Sinowatz, 1983)

Im Fortschreiten der Globalisierung (6) stiegen die Veränderungsgeschwindigkeiten gesellschaftlicher Verhältnisse rasant. Die Wissenserzeugung sowie die Informationsflüsse beschleunigten und die wirtschaftlichen Prozesse und die Kommunikationsströme entgrenzten sich. Wie überhaupt das „Grenzenüberschreiten“ in Form von verkehrstechnischer und sozialer Mobilität, (technologischer) Machbarkeit und Leistungssteigerungen bzw. -zwängen – vor allem aber in Form forcierter Migrationsprozesse – eine alltägliche Erfahrung geworden ist. Schließlich setzte sich eine Dominanz der Marktlogik gegenüber allen anderen sozialen Rationalitäten menschlichen Zusammenlebens durch. Diese globalen Transformationsprozesse von Wirtschaft und Politik, Gesellschaft und Kommunikation sowie Alltagsleben und Kultur gewinnen seit Ende der 90er-Jahre massiv an Geschwindigkeit, steigern massiv Widersprüchlich- und Gegenläufigkeiten und verlieren massiv an Überschaubarkeit. Die Komplexität von Lebenszusammenhängen, ökonomische Ungleichheiten, die Intensität sozialer Konflikte und die ethisch-kultureller Differenzierung bzw. Pluralisierung nehmen ständig zu.
Das Finden eines starken politisch kulturellen Konsens der StaatsbürgerInnen, der tiefgehende Interessens- bzw. Verteilungskämpfe, Wertkonflikte und Spannungsgegensätze unterschiedlicher Lebensabläufe verarbeitet und gleichsam „verdaut“, wird schwerer. Immer mehr „verschiedenartige Güter, mehr Distributionsprinzipien, mehr handelnde Personen und mehr Verhaltens- und Verfahrensmodi“ (7) führen dazu, dass nur noch ein brüchiger, sich schwer aktualisierender Wille zur Gemeinsamkeit herzustellen ist. Die stillschweigend für wahr gehaltenen geteilten Grundsätze zwischen den Menschen stehen immer mehr zur Disposition, weil sie den Anschluss an die Lebenswirklichkeiten der Menschen verlieren. Differenzen werden immer stärker, Gemeinsamkeiten immer schwächer wahrgenommen. Hinzukommt, dass das enorme Tempo dieser Transformationsprozesse vorhandene Institutionen und vor allem viele Menschen überfordert. Vielen werden die ökonomischen Grundlagen entzogen und ihre Deutungs- und Lösungsmodelle greifen nicht mehr. Sinnbildungsprozesse werden brüchig und verlieren ihre Orientierung. Loyalitäten mit und Verpflichtungen gegenüber überforderten oder sich ständig „umstrukturierenden“ Institutionen zerbrechen. Vertrauen und Stabilität sinken, (Selbst-)Gewissheiten und Identitäten verflüssigen sich und verlieren ihre Verbindlich-, Eindeutig- und Einheitlichkeit: „Die alten Verhaltensmuster funktionieren nicht mehr, Bewährtes bewährt sich eben nicht mehr.“ (8)

"Diese Fundamente unserer Gesellschaft sind durch die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Revolution in den letzten Jahrzehnten des 20.  Jahrhunderts völlig unterhöhlt worden." (9) (Erik Hobsbawn, 1999)

Egal, ob es jemandem passt oder nicht: Wir leben in einer pluralen, differenzierten und komplexen Gesellschaft. Durch funktionale Differenzierung und Individualisierung haben sich Lebensstile, Lebensabläufe und Lebensformen pluralisiert und Lebenszusammenhänge wurden vielschichtiger. Es besteht eine Vielzahl von Teilkulturen nebeneinander, die sich um unterschiedliche objektive Lebenslagen und subjektive Lebensstile gruppieren; im gewissen Sinne eine Multikulturalität, die nichts mit multi-ethnisch und Migration zu tun hat, sondern Realität des täglichen gesellschaftlichen Lebens geworden ist.
Intensiviert werden Pluralität bzw. Komplexität zum einen durch die Pflege des „Narzissmus des kleinen Unterschieds“, der „Innengrenzen zu schier unüberwindlichen Barrieren und Rechtfertigungen von Disparitäten“ (10) werden lässt und auf der anderen durch die Tatsache, dass die nichtintendierten Handlungsfolgen ökonomisches, politisches und individuelles Handeln stets unterkomplex gegenüber der Komplexität der Wirklichkeit erscheinen lassen. Beides führt zu einer Schrumpfung der Allgemeinheitsperspektive des Gesellschaftlichen und verstärkt „die Abwesenheit eines geteilten Wertehorizonts“. (11) So sei hier auf den zweiten Teil des an den Anfang gestellten und oft belächelten Zitats von Fred Sinowatz aus dem Jahre 1983 hingewiesen, das in dieser Dimension eigentlich als letzte seherische Erkenntnis der österreichischen Innenpolitik zu bewerten wäre: „Haben wir daher den Mut mehr als bisher auf diese Kompliziertheit hinzuweisen; zuzugeben, dass es perfekte Lösungen für alles und für jeden in einer pluralistischen Demokratie gar nicht geben kann.“ (12)

Trotz alledem oder gerade deswegen bleiben Städte und Kommunen der Nahbereich der Demokratie. Sie sind der Raum, in dem moralisch verantwortlich gedacht und wahrgenommen werden kann, weil in ihnen der Verflechtungszusammenhang zwischen Individuum, Gesellschaft und Kultur unmittelbar erfahrbar wird. Menschen erfahren hier in ihrer alltäglichen Lebenswelt das menschliche Zusammenleben sowohl als Formungs- als auch Gestaltungsprozesse, also als „gesellschaftliche Zurichtung und Selbstmodellierung“. (13) Das heißt, hier werden einerseits Individuuen zwar stark von der soziokulturellen Ordnung geprägt und politisch sozialisiert. (14) Aber andererseits ist in ihnen jedoch das Einsickern individueller Innovation und Intervention als Selbstverwirklichung und Gesellschaftsveränderung ebenso stark erlebbar. Daher sind in den Städten Emanzipationsdrang auslebbar, Teilhabeverlangen artikulierbar und partizipatives realitätsveränderndes Handeln umsetzbar. So hat Alexander Mitscherlich Städte in seinem berühmten Essay „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“ sowohl als „Produkte“ als auch als „Prägestöcke“ des Menschen bezeichnet: „Es geht um einen im Wortsinn fatalen, einen schicksalhaften Zirkel: Menschen schaffen sich in den Städten einen Lebensraum, aber auch ein Ausdrucksfeld mit Tausenden Facetten, doch rückläufig schafft diese Stadtgestalt am sozialen Charakter der Bewohner mit.“ (15) (Diese Doppelfunktion sollte kommunale verantwortungsbewusste und zukunftsfähige Politik stets bedenken, denn mit ihrem alltäglichen politischen Handeln prägt sie Zukunft - und das kann auch zur gemeinen Drohung werden. Die Verweigerung von Verteilungsdebatten und Reformpolitik als reine Reduktionspolitik können eine Art realpolitscher "Verwahrlosungsarbeit" (16) gerade in den Städte nach sich ziehen, an deren Folgen die nächsten Generationen schwer zu tragen haben werden.)
In den städtischen Lebensräumen knüpfen wir ständig in unterschiedlichen sozialen Beziehungen verschiedenste soziale Bänder zu informellen Netzwerken und kulturellen Kontexten. Hier wird Fremd- und Selbstformung am spürbarsten. Hier wird intensiv experimentiert, korrigiert, erfunden, kritisiert, geprägt und angepasst. Wenn heute irgendwo noch Gemeinwohlorientierung generiert werden kann, dann hier, in unseren Städten. Jürgen Habermas war der Ansicht in einer differenzierten, komplexen Gesellschaft könne „sich nur noch über den Prozess der öffentlichen Meinungs- und Willensbildung eine brüchige Gemeinsamkeit herstellen und reproduzieren“ (17)lassen.
Wenn dem so ist, sind die Städte jener Nahraum der Demokratie, in dem demokratisches Leben gleichsam „geübt“ und praktiziert und schließlich dadurch als wertbezogene Lebensweise empfunden werden kann. Dadurch wird Pluralität, Differenz und Mehrdeutigkeit versteh- und lebbar und die Demokratie zukunfsfähig.
 

Aus: "Pro Futuro -- Miteinander in die Zukunft"
Ergebnisse des Arbeitskreises "Soziale Sicherheit und Generationen"
von Bernhard Müller, Michael Rosecker und Michael Wilczek (Hg.).
 

Literatur:

1)  Zitiert nach: Walter Siebel, Die europäische Stadt. In: Walter Siebel (Hg.), Die europäische Stadt. (Frankfurt/Main 2004) S. 14
2) Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie (Frankfurt/Main 2008) S. 941 ff.
3) „Die Stadt war immer ein besonderer Rechtsraum.“ Hans-Joachim Strauch: Stadt – Raum – Recht. In: Dieter Hassenpflug (Hg.), Die europäische Stadt. Mythos und Wirklichkeit (Münster 2001) S. 135
4) Ulrich Beck, Kinder der Freiheit. Wider das Lamento über den Werteverfall, in: Ulrich Beck (Hg.), Kinder der Freiheit (Frankfurt/Main 1997) S. 29
5) Stenographisches Protokoll, Erklärung der Bundesregierung, am 31. Mai 1983. S. 29
6) Zum Globalisierungsbegriff u.a.: Elmar Altvater / Birgit Mahnkopf: Grenzen der Globalisierung. Ökonomie, Ökologie und Politik in der Weltgesellschaft (Münster 1999); Ulrich Beck, Was ist Globalisierung? (Frankfurt/Main 1997) und Ditmar Brock, Globalisierung. Wirtschaft – Politik – Kultur – Gesellschaft (2008)
7) Michael Walzer, Sphären der Gerechtigkeit. Ein Plädoyer für Pluralität und Gleichheit (Frankfurt/Main 2006) S. 444
8) Regina Polak / Christian Friesl / Ursula Hamachers-Zuba, “Werte” – Versuch einer Klärung, in: Christian Friesl / Regina Polak / Ursula Hamachers-Zuba (Hg.), Die ÖsterreicherInnen. Wertewandel 1990-2008 (Wien 2009) S. 26
9) Erik Hobsbawn: Das Gesicht des 21. Jahrhunderts. Ein Gespräch mit Antonio Polito (München 2000) S. 158
10) Albrecht Göschel, Lokale und regionale Identitätspolitik, in: Walter Siebel (Hg.), Die europäische Stadt. (Frankfurt/Main 2004) S. 168
11) Rosa Hartmut, Die politische Theorie des Kommunitarismus, in: S. 91
12) Stenographisches Protokoll, Erklärung der Bundesregierung, am 31. Mai 1983. S. 29
13) Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform (Frankfurt 2007) S. 31
14) Zum Begriff „politische Sozialisation“: „Politische Sozialisation umfasst alle Lernprozesse, bei denen politische Kenntnisse, Fähigkeiten und Orientierungen auf Bürger übertragen werden. Diese Prozesse sind nicht auf bestimmte Erfahrungen, Umstände oder Altersgruppen beschränkt. Außerdem können Lernprozesse bewusst oder unbewusst stattfinden, sie können beabsichtigt und unbeabsichtigt sein. (…) Politische Sozialisation ist somit in keinem Fall auf die Erziehung von Jugendlichen zu guten Bürgern beschränkt; es handelt sich um einen lebenslangen Prozess des Lernens und des Sammelns von Erfahrungen.“ Jan W. van Deth: Kinder als junge Staatsbürger, in: Jan W. Deth / Simone Abendschön / Julia Rathke / Meike Vollmar (Hg.), Kinder und Politik. Politische Einstellungen von jungen Kindern im ersten Grundschuljahr (Wiesbaden 2007) S. 12
15) Alexander Mitscherlich: Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden (Frankfurt/Main 1965) S. 9
16) Peter, Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern. Über Religion, Artistik und Anthropolotechnik (Frankfurt/Main 2009) S. 644
17) Jürgen Habermas: Öffentlicher Raum und politische Öffentlichkeit. Lebensgeschichtliche Wurzeln von zwei Gedankenmotiven. In: Jürgen Habermas, Naturalismus und Religion. Philosophische Aufsätze (Frankfurt am Main 2005) S. 25
 


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