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Michael Rosecker
Verteilung, Gleichwertigkeit und Gerechtigkeit

Verteilung, Gleichwertigkeit und
Gerechtigkeit

Von Michael Rosecker

Wenn der Chef der Deutschen Bank nicht mehr an die Selbstheilungskräfte der Märkte glaubt, ist das ein Offenbarungseid der besonderen Art. (1) Menschen, die jahrelang verantwortungslos die Religion der Marktradikalen sowie das unterkomplexe Menschenbild des Homo oeconomicus gepredigt und immer mehr Gesellschaftsschichten zum Pyramidenspiel des Finanzkapitalismus verführt und per Gesetz hineingezwungen haben, schreien jetzt angesichts der Krise händeringend nach dem Staat. Der Satz vom „Privatisieren der Gewinne und dem Sozialisieren der Verluste“, für den man die letzten Jahre als ewiggestriger Sozialromantiker, sozialistischer Finsterling oder als wettbewerbsscheuer Schwächling denunziert wurde, ist pötzlich eine Phrase des politischen Alltagsgesprächs geworden.
Die Dimension der Folgen der Krise für weite Teile der Bevölkerung und das Ausmaß der gesellschaftspolitischen Verwerfungen ist noch nicht abschätzbar. Ein zentrales Element bei der Bewältigung der Krise wird der gesellschaftspolitische Umgang mit dem Phänomen der epidemisch um sich greifenden disqualifizierenden Armut (2) und damit mit der wachsenden sozialen Ungleichheit werden.
Zunächst ist festzuhalten, dass die wachsende soziale Ungleichheit nicht ein Produkt der Krise ist, sondern Folge der inneren Logik der realitätsverändernden neoliberalen Politik. Diese lebte von der Beschädigung des Politischen im Allgemeinen und des Denunzierens des sozialstaatlichen Handelns im Speziellen, um Ungleichheiten und Umverteilungen produzieren zu können. Umso wichtiger ist es jetzt, die nun in der Krise anstehenden Verteilungsfragen und Legitimationsdiskurse über Ungleichheiten offen und demokratisch zu führen.

Menschen verlangen von Gesellschaften „gerechte“ – oft divergierende – Strukturen, die Freiheiten-, Chancen- und Güterverteilung so einrichten, dass sie als „ein kohärentes anerkennungsfähiges öffentliches Überzeugungssystem“ (3) von den Betroffenen akzeptiert werden können. Das gilt erst recht für demokratische Gesellschaften.
Nur mit solch einer Grundakzeptanz werden die demokratischen Kooperations- und Kommunikationsgefüge lebens-, entfaltungs- und zukunftsfähig sein. Wenn jetzt weiter nach dem Prinzip bei Ressourcen „oben weit und unten eng“ und bei Verantwortlichkeiten und Verpflichtungen „oben großzügig und unten streng“ verfahren wird, wird jene Grundakzeptanz vor allem bei jenen Menschen, die sich zu Recht benachteiligt und ungerecht behandelt fühlen, zerbrechen. Denn alleine, wenn utopische ManagerInnengehälter, die bisher oft mit der großen Verantwortung der Begünstigten begründet wurden – diese Verantwortung aber im Falle des offensichtlichen Versagens nicht wahrgenommen, sondern an die Allgemeinheit delegiert wird – nicht öffentlich diskutierbar sind, werden eben diese zur Nagelprobe für das Gerechtigkeitsverständnis einer Gesellschaft. Zum Beispiel vor allem für jene Arbeitslosen, die sich (schuldlos) für jeden Cent, den sie von der öffentlichen Hand bekommen, legitimieren müssen. Diesen Menschen zu erklären, die ManagerInnengehälter regle der angeblich freie Markt, ist eine Überreizung des „mentalen Unterbaus“ (4) einer Gesellschaft. Dannn zerbricht sogar das Grundgefühl der formalen Gleichwertigkeit, und somit wird die dehnbare aber verträgliche Legitimität der substantiell-materiellen Ungleichheit zerstört.
Dann wird es schwer werden, die Demokratie als ziel- und wertbezogene Lebenseinstellung vermitteln zu können. Denn in einer Demokratie müssen mit „Gleichheit“ alle GesellschaftsbürgerInnen gleichermaßen gemeint sein, auch wenn es wegen aller Differenz, Pluralität und Vielfalt nur um eine als „gerecht“ empfundene Verhältnismäßigkeit geht. Und eben diese muss gerade in der Krise hergestellt werden. Was schon nicht bei der Verteilung der „Gewinne“ des scheinbaren Wachstums funktioniert hat, muss zwingend bei der Verteilung der „Lasten“ der Krise gelingen; wenn schon nicht aus sozialer und demokratischer Überzeugung, dann zumindest aus Furcht vor gesellschaftlichen Verwerfungen bzw. einer Legitimationskrise der Demokratie.

(1) „Josef Ackermann glaubt nicht mehr an den Markt“ – http://www.welt.de/wirtschaft/article1812002/Josef_Ackermann_glaubt_
nicht_mehr_an_den_Markt.html – abgefragt: 11.04.2009.
(2) Serge Paugam, Die elementaren Formen der Armut (Hamburg 2008) S. 87
(3) Wolfgang Kersting, John Rawls zur Einführung (Hamburg 2001) S. 36
(4) Ein Begriff Émile Durkheims. Zitiert nach: Paugam: Formen der Armut, S. 87
 


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