Michael Rosecker
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Festrede
des Obmannes des Vereins Alltag Verlag Michael Rosecker

Serbenhalle und Denkmal

Sehr geehrte Damen und Herren!

Liebe Freundinnen! Liebe Freunde!

Wir haben in einem Gedenkjahr zu leben. Und Gedenken heißt Erinnern. Und der sich erinnert sollte sich auch mit dem Vergessen beschäftigen! Daher folgende Gedanken zum Vergessen.

Für Platon stand das Vergessen am Anfang allen irdischen menschlichen Lebens. Das meinte er im 4. Jahrhundert vor Christus. Heute, 2.400 Jahre später, erhob das österreichische Meinungsforschungsinstitut IMAS in einer repräsentativen Studie, dass nur noch 54 % der Befragten den Namen "Heinrich Himmler", nur noch 49 % den Namen "Anne Frank" und nur noch 74 % den Begriff "KZ" kennen.

Das Stichwort "V2" war überhaupt nur noch 24 % der Befragten ein Begriff. Wobei hier bei den 16- bis 29-jährigen gar nur 13 % etwas damit anfangen konnten.

Das zeigt uns: Erinnern ist keine Selbstverständlichkeit. Geschichte ist keine Alltäglichkeit und Geschichten erzählen, im Sinne von Tradieren, ist keine Wirklichkeit der heutigen Zeit.

Aber ohne Erzählen gibt es keine Erinnerung. Der Überlebende des KZs Buchenwalds, Elie Wiesel, schrieb in seinem Buch namens „Nacht“: „Niemals werde ich dies alles vergessen, und wäre ich auch dazu verdammt, so lange zu leben wie Gott selber. Niemals!“. Das schrieb er 1955.

Fast 40 Jahre später veröffentlichte er den Roman „Der Vergessene“. Und in diesem hatte er auf Grund des höheren Alters ein anderes Problem erkannt: „Niemals vergessen!“, ist gar nicht so leicht. In diesem Roman erzählt er von einem Holocaust-Überlebenden, der an einer Krankheit des Vergessens leidet. Den Holocaust-Überlebenden packt der kalte Schauer. Er fürchtet sich davor sein eigenes Vergessen zu vergessen. Von dieser Angst getrieben, nötigt er seinem Sohn das Versprechen ab, all das, was er ihm erzählt, dürfe er, der Sohn, niemals vergessen. Der Sohn schwört. Er schwört jedoch in dem Wissen, dass er das Versprechen so nie wird halten können. Sein Vater hat schließlich gegen Ende, ja auch schon den Namen seines Sohnes „vergessen“.

Diesem Sohn wurde die Geschichte der Verbrechen der Nationalsozialisten jedoch anschaulich, ja authentisch von einem Opfer, heute sagen wir dazu „Zeitzeugen“, erzählt. Und sogar dieser zweifelt an dem Schwur des "Niemals vergessen".

Wie steht es heute? Die Zeitzeugengeneration - und es sind heute glücklicher Weise viele mutige Freunde unter uns - wird älter und sie wird einmal verschwunden sein. Ihre Geschichten, die sie erzählten, aber hielten das Erinnern wach. Ihre Präsenz war für viele, die vergessen wollten, ein unübersteigbares Hindernis.

Was ist, wenn die Zeit ohne Zeitzeugen anbricht? Was ist, wenn die Geschichte und die Geschichten nur noch aus zweiter Hand, aus Büchern und noch schlimmer, aus dem Munde der Verdränger der Nachkriegszeit kommen?

Dafür müssen wir gerüstet sein. Wir müssen Erzählungen finden, die ohne Zeitzeugen auskommen werden müssen. Wir müssen Erzählungen finden, die die Sprache der heutigen Zeit sprechen. Ohne diese Geschichte und ohne diese Sprache wird das Vergessen zum Feind des Erinnerns.

Der deutsche Politiker Eduard Bernstein schrieb einmal: „Die Bewegung ist das Dauernde, ihre Formen und Theorien sind das Vorübergehende.“ Und er hat recht. Das Erzählen der Verbrechen des Nationalsozialismus, muss in Bewegung bleiben. Ein Staffellauf des Erzählens. Jede Generation muss ihre Sprache finden, um sich das Gewesene zu erobern, also aneignen zu können.

Markus Grabenwöger, Hans Stippel, Karl Flanner, Franz Pinczolits und ich, haben es mit der Serbenhalle probiert; mit den Verbrechen im KZ in der Serbenhalle, die beinahe mitten in der Stadt passierten. Wir wollten eine neue Sprache finden, die das Gewesene einer Zeit der Nachgeborenen erzählen will. Erleuchtet als Reklame, gerichtet an die Individuen, will dieses Denkmal ein kleiner Schritt in der Bewegung des Erzählens, also Erinnerns, sein. Das Bleibende ist die Bewegung des Erzählens. Das Vergängliche sind die Theorien. So wurden hier und heute auch Materialien und das gesamte Konzept so gewählt, dass erkennbar wird, dass die Dauer des Erinnerns nicht vom Material abhängt. Auch Jahrhunderte überdauernder Stein oder Marmor, sind sprachlos, wenn sie keine Geschichten mehr erzählen können. Stein und Marmor sind aber ebenso sprachlos, wenn sie, für die Geschichten, die sie erzählen könnten, keine Adressaten mehr finden

So soll das Denkmal für das KZ in der Serbenhalle, eine Übersetzung des „Niemals vergessen“ ins 21. Jahrhundert sein und durch seine Form als Leuchtreklame auch jene erreichen, die es nicht mehr wissen können oder die es nicht mehr interessiert.

Erst dieses Tradieren, dieses Übersetzen erlaubt uns zu sagen: "Niemals vergessen". Denn wir alle, egal welchen Alters, sind das Gedächtnisvolk des Humanismus und der Demokratie.

Danke für euer Hiersein! Danke für euer Zuhören. Und vor allem danke für euer Weitererzählen.

So bleibt mir nur noch auch Dank zu sagen an meine Freunde Markus Grabenwöger, dem Künstler, Franz Pinczolits, dem Kulturamtsleiter und Hans Stippel, dem Obmann des Mauhausenkomitees, ohne unser Teamwork würden wir heute nicht hier stehen. Und ich sage auch Brigitte Bailer-Galanda danke, für ihren Zuspruch und ihren Segen, diesen gewagten Weg zu gehen.

In diesem Sinne liebe Freunde: „Erinnert euch des Vergessens und vergesst nicht das Erinnern“. Und bedenkt: Wir müssen predigen und sprechen, tradieren und eben Geschichten erzählen!

Danke!

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