der Zweiten Präsidentin des Nationalrates Mag. Barbara Prammer

Heuer jährt sich die Befreiung vom Nationalsozialismus durch die Alliierten zum 60. Mal.
Auffallend wenig ist davon im so genannten Gedankenjahr die Rede. Umso mehr von der Gründung der Zweiten Republik am 27. April 1945. In einer offiziellen Broschüre der Bundesregierung beispielsweise wird die Unabhängigkeitserklärung, in der von einem völlig willenlos gemachten Volk Österreichs, das in einen Krieg gezwungen wurde, den kein Österreicher jemals gewollt habe, zustimmend zitiert.
Davon, dass an jenem 27. April Mauthausen und viele seiner Nebenlager noch nicht befreit, in Mauthausen und seinen Nebenlagern noch Menschen ermordet wurden, davon, dass an jenem 27. April Zwangsarbeiter unter den Augen Vieler durch Österreich getrieben und umgebracht wurden, ist die Rede nicht.
Eine Gesellschaft, in der es unzählige Täter gab, wird zu einem Opferkollektiv, wenn - wie in dieser Broschüre geschehen - Opfer von Luftangriffen mit Holocaustopfern gleichgesetzt werden.
Der Eindruck, die wahre Befreiung habe nicht am 8. Mai 1945 sondern am 15. Mai 1955 stattgefunden, entsteht, liest man : „nach 7 Jahren nationalsozialistischer Diktatur und 10 Jahren militärischer Besatzung ist Österreich wieder frei“.
 Eine Jubelgeschichte der 2. Republik wird geschrieben, Kontinuitäten werden ausgeblendet, dem alten Mythos von Österreich als dem Ersten Opfer des Nationalsozialismus wird gehuldigt. Von den Opfern und von Schuld ist, wenn überhaupt, nur am Rande die Rede.
Um so wichtiger erscheint es mir, den Opfern des Nationalsozialismus, der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft, als deren Mitglieder sich unzählige Österreicherinnen und Österreicher verstanden, mit deren erklärten Zielen Shoa und Vernichtungskrieg sie sich identifizierten, zu gedenken.